© Hilmar Alquiros  Project: 2000-2020  All Rights Reserved Impressum 

Laotse-Sinfonie

Günter Raphael (1903-1960)

       Home

B&H "Von der großen Weisheit" (Laotse)  op.81 (1956)
Sinfonie für Alt- und Baritonsolo, 4-stimm. gemischt. Chor und großes Orchester.
Vollständiges Material lieferbar.
Die Uraufführung fand 1963 im Bayerischen Rundfunk unter Michael Gielen statt.
  deutsch / englisch 

William D. Gudger, New Grove Dictionary:
Die einzige Gattung, der sich Raphael als Komponist nicht zugewandt hat, war die Oper. Neben zahlreichen Chor- und Orgelwerken für den liturgischen Gebrauch schuf er viele Werke für Kammerensemble und Orchester, die mitunter zu seinen originellsten zählen.
Das Schaffen Raphaels lässt sich in drei Perioden unterteilen. Bis 1934 war er dem spätromantischen Stil Brahmsscher und - vor allem wegen des starken Gebrauchs von Chromatik - Regerscher Prägung verpflichtet. Das Meisterwerk dieser Periode ist das Requiem op.20; seine fünf Sätze, die zum Teil eine progressive Tonalität aufweisen, kreisen um die Tonarten G-Dur/moll und H-Dur/moll und deren Dominanten.
Die zweite Periode - die des Exils in Meiningen und Laubach - war eine Zeit des Übergangs. Diatonik, Modalität, rhythmische Ostinati und ein durchsichtiger Aufbau fanden allmählich Platz in der Musik Raphaels, der jetzt seine Vorbilder noch weiter in der Vergangenheit suchte: bei Bach (Solo-Sonaten op.46) und Schütz (Geistliche Chormusik, 1938).
Die letzten 15 Jahre seinen Lebens bilden die dritte Periode, gekennzeichnet durch die Vervollkommnung des neuen Stils und dessen Ausweitung sogar in den Bereich der Dodekaphonie. Die 12-Ton-Reihe nimmt hier meist die Funktion eines Ostinato an; im Gesang der Erzengel op.79 zum Beispiel sind die 12 Töne zu einem Ostinato gegliedert, während sie in der Sonate für Bratsche op.80 Themen innerhalb des ersten und dritten Satzes bilden.

Werkeverzeichnis
Mit herzlichem Dank an Christine Raphael, Bonn!

G. Raphael     Günter Raphael in Meiningen
        Meiningen steht gewöhnlich für Brahms, Bülow und Reger. Ein weiterer Musiker sollte in diese Reihe gestellt werden, denn er brachte ein volles Jahrzehnt in dieser Kunststadt zu: Günter Raphael (1903-1960). Dass dieser bedeutende Komponist, der in der Nachfolge Brahms' und Regers stand, so oft vergessen wird, hat gewichtige Gründe. Seine Aufenthaltszeit 1934-44 war die Zeit des Dritten Reiches und Raphael war von jüdischer Abstammung. So war Meiningen für Raphael zugleich Zuflucht und Falle. Denn während prominente Bürger ihn mutig unterstützten, sorgten andere für zunehmende Diskriminierungen und Repressalien. Als traditionsbewusster Künstler, der sich gerade der deutschen Musikgeschichte verpflichtet fühlte, lebte Raphael in einem tragischen Dilemma. Abhängig von jederzeit widerrufbaren Sondergenehmigungen, versuchte er in Meiningen als Musiker zu überleben.
     Doch sein naives Vertrauen in die Berechenbarkeit der NS-Kulturbürokratie wurde enttäuscht. Er überlebte die Jahre der Diktatur als desillusionierter, kranker Mann, der nicht mehr an die Erfolge der zwanziger Jahre anknüpfen konnte. Ein Schicksal im übrigen, das er mit Komponisten wie Schulhoff, Ullmann oder Korngold teilte, deren Karrieren durch die Diktatur beendet
wurden und von denen die Nachkriegsöffentlichkeit fast keine Notiz mehr nahm. Raphaels Gesamtwerk stellt jedoch eine eigenständige Position in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts dar. Einflüsse der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre verbinden sich mit expressivem Ausdruckswillen zu einem neobarocken Stil, der Ausgewogenheit und rhythmische Prägnanz in den Mittelpunkt stellt. Kein Wunder also, dass Raphael sein dankbarstes Feld in der Kirchenmusik gefunden hat, dass Bach zu seinen musikalischen Leitbildern gehörte. Dennoch reichte sein künstlerischer Horizont weit über diesen Bereich hinaus, wie sich an seinem umfangreichen Vokal-, Kammer- und Orchestermusikschaffen ablesen lässt. Hierin ähnelt er Max Reger, dessen hundertdreißigsten Geburtstag wir zugleich begehen.

http://www.meiningermuseen.de/raphael.html

 

Raphael, Günter

Berlin 1903 - Herford 1960

  Portrait MIDI and MP3/WMA files

 ~ Biography ~

Günter Raphael was born in Berlin on 30 April 1903. He studied with Arnold Ebel, Robert Kahn, Max Trapp, Walter Fischer and Arnold Mendelssohn (on Karl Straube's recommendation). In 1913 he composed his first composition: it was a short lied for piano.

Raphael was a teacher of music theory and composition at the State Conservatory and Institute for Church Music in Leipzig (1926-34). During the Nazi regime (1934-45), he couldn't exercise his profession, and all performances of his works were prohibited.

He began again to teach composition in 1949 at the Conservatory in Duisburg. He was a lecturer and professor at the State Music Conservatory in Cologne (1956, 1957), and a teacher at the Peter Cornelius Conservatory in Mainz
(1956-58).

Günter Raphael died in Herford on 19 October 1960.

 Choral works
Requiem op. 20, Vom jüngsten Gericht op. 30, Von der großen Weisheit (Laotse) op. 81, Glaubensbekenntnis op. 64.

 Vocal solo with Instruments
Palmströmsonate op. 69.

 Orchestral and Concertos
Fifth Symphony op. 75, Second Violin Concerto op. 87, Concertino for Alto Saxophone op. 71.

 Chamber Music
Trio for Clarinet, Violoncello and Piano, op. 70, String Quartet op. 9.


The Kunst der Fuge Biographies of Composers: Raphael by Alessandro Simonetto.
Special thank to the Composer's daughter Christine Raphael.
Contribution for the translation: B.K. Drabsch.

Kunst der Fuge / On Classical, © 2003. All rights reserved.

http://www.kunstderfuge.com/bios/raphael.html

Organ works

 • Praeludium und Fuge for organ in G major, op. 22/3

• Toccata in C major [Adagio, Fuge], op. 27/3 (1934)

• Fantasie und Fuge über 'Christus, der ist mein Leben' (1945)

 Fugues and Fugatos from the [selected] organ works:

• 5 Choralvorspiele, op. 1 (1922)

• 3 Pieces op. 22 (1928-30); Partita 'Ach Gott, vom Himmel sieh darein', op. 22/1 (1929)

• Fantasie in c minor, op. 22/2

• Variationen über den basso continuo von J. S. Bach Orgelchoral 'Durch Adams Fall', op. 27/2 (1931)

• Introduktion und Chaconne in c sharp minor, op. 27/1 (1930)

• 12 Orgelchoräle, op. 37 (1934-35)

• Fantasie, Fuge, Partita, Passacaglia über ein finnischen Choral, op. 41 (1939)

• 7 Preludes on Finnish Chorales, op. 42 (ca. 1939)

• Toccata, Chorale and Variations, op. 53 ( 1944)

• Sonate op. 68 (1949)

• Kleine Partita über Choral 'Herr Jesu Christ dich zu uns wend' (1958)

• Toccata, Choral und Variationen 'Wachet auf', op. 53 (1944)

• Partita on the Chorale 'Lord Jesus Christ' (1958)

 Fugue and Fugatos from the [selected] organ and orchestra works:

• Konzert with orchestra in d minor, op. 57 (1936)

 Chamber music works

 Fugue and Fugatos from the [selected] chamber music with organ and orchestra works:

• Sonate for cello and organ

• Sonate for violin and organ, op. 36

 List corrected with the kind help of Christine Raphael.

 

Born: 30 April 1903, Berlin (Germany)
Died: 19 October 1960, Herford (Germany)

Go to section [ music ][ life ][ links ]

Questions or remarks? Try the Forumnew!.
Submit information or corrections for this composer? Click

Music

Main works. Thanks to the Composer's daughter Christine Raphael.

Choral works

Vocal solo with Instruments

Orchestral and Concertos

Chamber Music

Life

Günter Raphael studied with Arnold Ebel, Robert Kahn, Max Trapp, Walter Fischer and Arnold Mendelssohn (on Karl Straube's recommendation).

Raphael was teacher of music theory and composition at the State Conservatory and Institute for Church Music in Leipzig (1926-34). During the Nazi regime (1934-45), he couldn't exercise his profession, and all performances of his works were prohibited.

He restarted teaching composition in 1949 at the Conservatory in Duisburg, and at the State Music Conservatory in Cologne (1956, 1957), and at the Peter Cornelius Conservatory in Mainz (1956-58).

Links

http://www.classical-composers.org/cgi-bin/ccd.cgi?comp=raphael

 

Composer: Günter Raphael (1903-1960)

 

Alphabetic listing of musical settings [warning - not exhaustive]

[x] indicates a text that is not yet in the database
* indicates that a text is thought to be copyright and that we have no permission to display it on the website. For some of the texts marked this way, we have incomplete information about their copyright status. They may in fact be public domain.

Song Cycles

All titles of vocal settings in our database, in alphabetic order

http://www.recmusic.org/lieder/r/raphael.html

 

Verdrängte Musik

NS-verfolgte Komponisten und ihre Werke
Schriftenreihe

herausgegeben im Auftrag von musica reanimata - Förderverein zur Wiederentdeckung
NS-verfolgter Komponisten und ihrer Werke von Hans-Günter Klein

Aktuelles: Der achte Band der Schriftenreihe "Verdrängte Musik" ist wieder aufgelegt worden: Josef Bek: Erwin Schulhoff. Leben und Werk (Hamburg: von Bockel Verlag 1994). Preis: 25 Euro.

Max Brand (Bd. 18)
George Dreyfus (Bd. 17)
Berthold Goldschmidt (Bd. 10)
Alfred Goodman (Bd. 18)
Pavel Haas (Bde. 1, 9)
Gideon Klein (Bde. 1, 6)
Józef Koffler (Bd. 18)
Hans Krása (Bd. 1)
Ursula Mamlok (Bd. 18)
Günter Raphael (Bd. 13)
Hanning Schröder (Bd. 15)
Erwin Schulhoff (Bde. 1, 5, 7, 8, 11)
Viktor Ullmann (Bde. 1-4, 12, 14, 16)
Felix Werder (Bd. 17)

Band 13:
Thomas Schinköth: Musik - das Ende aller Illusionen? Günter Raphael im NS-Staat.
160 S., ISBN 3-928770-65-9
Dieser Band ist vergriffen

 

Diese umfassende Biographie des 1903 in Berlin geboren und 1960 in Herford gestorbenen Komponisten behandelt besonders intensiv die Auseinandersetzungen um Raphaels Berufstätigkeit während der NS-Diktatur. Sie werden durch ausführliche Zitate aus Briefen und anderen Dokumenten belegt. Ein weiterer Schwerpunkt gilt der Erziehung und der Entwicklung von Raphaels musikalischer Identität. In den Text chronologisch eingereiht sind kurze Beschreibungen einiger Werke, darunter die folgenden:
Streichquartette C-Dur op. 9 und A-Dur op. 28; 1. Sinfonie a-moll; Requiem g-moll für Soli, zwei gemischte Chöre, Orchester und Orgel op. 20; Te Deum für Soli, achtstimmigen gemischten Chor, Orchester und Orgel op. 26; Psalm 104 für zwei sechsstimmige gemischte Chöre a capella op. 29; Motette "Vom jüngsten Gericht" op. 30,1; Motette "Vom rechten Glauben" (1937); Konzert d-moll für Orgel, 3 Trompeten, Pauken und Orchester op. 57; Sinfonische Suite für Sopran und Orchester nach Worten von Hermann Claudius (1942); Sonate für Orgel op. 68; "Das Glaubensbekenntnis" für zwei gemischte Chöre, Orchester und Orgel op. 64; 6 Galgenlieder für Chor a capella nach Christian Morgenstern op. 78.

 

Günter Raphael (1903-1960)
Geboren am 30. April 1903 in Berlin.
Raphael studierte in Berlin von 1922 bis 1925 u.a. bei Arnold Ebel und Robert Kahn. Wichtige Förderung erfuhr er durch den Leipziger Thomaskantor Karl Straube. Seine erste Sinfonie wurde 1926 in Leipzig von Furtwängler uraufgeführt. Danach erhielt er eine Stelle als Theorie- und Kompositionslehrer am Leipziger Konservatorium. 1934 wurde er als "Halbjude" entlassen. Bis 1939 behielt er aber die Erlaubnis, privat zu unterrichten und Konzerte zu geben. Auch danach unterrichtete er illegal weiter und spielte in Privatkonzerten, stets der Gefahr der Entdeckung ausgesetzt. Er wollte sich mit den erzwungenen Einschränkungen seiner Tätigkeit nicht abfinden und focht zwischen 1934 und 1941 mehrere Kämpfe mit Behörden aus, unterstützt von seiner Mutter und einigen prominenten Musikern, darunter Furtwängler. Von 1934 bis 1945 lebte er in Meiningen.
1949 wurde er in Duisburg Dozent am Städtischen Konservatorium, 1958 Professor an der Staatlichen Hochschule für Musik Köln. Günter Raphael starb am 19. Oktober 1960 in Herford.
Raphael komponierte im wesentlichen tonal. Schwerpunkte seines Schaffens waren geistliche Werke, Sinfonik und Kammermusik.

http://www.musica-reanimata.de/komponisten.html

 

9.3. Günter Raphael (1903 – 1960)

„Günter Raphael war ein liebenswerter, verehrungswürdiger Mann, ein Tonkünstler von hohen Graden, ein Gläubiger voll echter Frömmigkeit“, so charakterisiert ihn Hans-Joachim Moser in Der Kirchenmusiker anläßlich seines Todes (19.10.1960 in Herford).23 Er fährt fort, daß Bibel und Gesangbuch seine stetigen Wegbegleiter waren; aus diesem Grund überstand er die bitteren Jahre der Verfolgung und schwerer Erkrankung 1934 – 1944, die als seine Meininger Zeit gelten. Damit ereilte Raphael das gleiche Schicksal wie Heinrich Kaminski, völliges Berufsverbot erleiden zu müssen, mit dem Ergebnis allerdings, daß ab 1945 wieder verstärkt kirchenmusikalische Werke entstanden. Beide Komponisten, Kaminski und Raphael, dürfen unbestritten zu den Erneuerern der evangelischen Kirchenmusik im 20. Jahrhundert gezählt werden24 (Arnold Mendelssohn, 1855 – 1933, Raphaels Lehrer sowie Ernst Pepping, 1901 – 1981 und Hugo Distler, 1908 – 1942 gehören entscheidend dazu); beiden kann aber nicht die Stilwende der Musik25 etikettiert werden, die mit Ernst Pepping  zu markieren ist; beide erscheinen in ihrem Oeuvre überwiegend traditionsver- und -gebunden. Raphael, zeitlebens ein großer Reger-Verehrer, läßt in seinem frühen Schaffen – vornehmlich der Orgelwerke – Reger-Nähe erkennen; Formen wie Variation, Ostinato, Introduction, Passacaglia, Fuge, Sonate als Großform geben davon Zeugnis, die Kleinform der Choralvorspiele, Partiten und Intonations-Zyklen (ca. 140) lehnt sich in Harmonik und Rhythmik an spätromantische Vorbilder an, nimmt auch Stilkopien aus Bach´scher Zeit auf (innere Bindung an den finnischen Choral); ab ca. 1945 löst er sich mehr und mehr von harmonischen Beziehungsfeldern, bringt atonale Bezüge ein, auch Pentatonik, vollzieht sogar diesbezügliche Schritte innerhalb eines Werkes (z. B. Toccata, Choral und Variationen über Wachet auf, ruft uns die Stimme op. 53, 1944).

Seine musikalische Prägung erfuhr Raphael durch die Berliner Hochschulprofessoren Robert Kahn (ein Brahms-Schüler, Komposition), Walter Fischer (Orgel), Rudolf Krasselt und Julius Prüwer (Orchesterdirigieren) sowie Max Trapp (stark beeinflußt von Richard Strauss und Max Reger, Klavier und Theorie);26 familiär vorbelastet war er durch seinen Großvater Albert Becker (1834 – 1899, Organist, Leiter des Berliner Domchores und Komponist mit ungewöhnlich vielen Werken für Violine und Orgel) und seinen Vater Georg Raphael (1865 – 1904, Kantor an St. Matthäi, Berlin); seine Mutter Pauline Raphael war die erste Geigenlehrerin ihres Sohnes. Bezeichnenderweise beginnt der zwölfjährige Günter mit Kompositionen für Violine und Orgel sowie mit Liedern (sein erstes Lied Lied für Klavier). Brennpunkt seiner Biografik wird der September 1923 (mitten im Berliner Studium, 1922 – 1925), denn Raphael besucht in Leipzig Karl Straube, der mit seinem Vater in Freundschaft zusammen studierte. Straubes Blick in erste Kompositionen Raphaels machte kraft dessen Vermittlung ein Privatstudium bei Arnold Mendelssohn in Darmstadt möglich, das sich unmittelbar an Berlin im Sommer 1925 anschloß („ ... Es läge mir ungemein viel daran, daß er zu Dir kommen dürfte, um mit Dir zu arbeiten ... alles ungemein begabt, sehr stark fortentwickelt ..., das starke Talent darf auf keinen Fall verkümmern ...“, so schreibt Straube an seinen lieben und verehrten Freund Arnold Mendelssohn.27 1926 (Uraufführung der 1. Sinfonie im Leipziger Gewandhaus unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler) wurde Raphael als Kompositions- und Theoriedozent an das Leipziger Kirchenmusikalische Institut-Abteilung des Landeskonservatoriums berufen (bis 1934).28 Straube und die Leipziger Schule wurden ihm in diesen Jahren zu persönlichem, atmosphärischem und konsekutiv kreativem Fundament (Karl Straube widmete er sein in Leipzig geschaffenes Requiem, welches der Widmungsträger so bewertete: „Das Chorwerk des 20. Jahrhunderts!“).29

Sein Monumentalwerk umfaßt 9 Sinfonien, 15 Orchesterwerke, 8 oratorische Werke,              4 Schauspielmusiken, 10 Konzerte; demgegenüber sind die Bereiche der Kammermusik, des Klavierwerkes, der Kirchenmusik mit über 80 Motetten und Kantaten sowie der schon angesprochenen 30 Orgelwerke zu nennen. Die Kleinform des Klavierliedes umfaßt        ca. 100 Lieder, zwei Zyklen sind im Bereich der Geistlichen Lieder anzusiedeln, Drei geistliche Gesänge op. 31 (1928, Leipzig) und Drei geistliche Gesänge ohne opus-Zahl (1938, Meinigen). Die Drei geistlichen Gesänge op. 31 scheinen aufgrund zeitweiliger Aufführungen bekannter zu sein,30 haben aber nur in Nr. 1 Morgengebet (Text: Walther von der Vogelweide) eine orgel-relevante Begleitung vorzuweisen (vorgesehen für Klavier- oder Orgelbegleitung, eine Orgelbearbeitung ist sinnvoll und wünschenswert).  Nr. 2 Gebet (Text: Gustav Falke) kann in seinem durchgängig oktaviert-gesetzten Ostinato nur Klavierfunktion erhalten. Nr. 3 stellt insofern ein Spezifikum dar, daß Gattungsbegriff und Thema sich decken: Es ist überschrieben Ein geistliches Lied (Text: Martin Ulbrich). In Konsequenz handelt es sich um ein Geistliches Klavierlied; das Vier-Achtel-Prinzip als durchgängiges Perpetuum mobile gibt keinerlei Möglichkeiten für einen Orgelsatz frei. Besonders interessant erscheint – völlig unvermutet im Mittelteil (jeweils als tenuto-Viertel gekennzeichnet, im Stile Regers) – das Aufleuchten des Chorals Valet will ich dir geben (EG 523). Das Solo zitiert die 1. Choralzeile unter dem Text Laß mich doch erfahren ..., die rechte Hand im Klavierpart setzt fort mit der 2. Zeile, der Wiederholungszeile und der Schlußzeile des Chorals (und ich stehe und gehe); ein äußerst intimer wie sinnfälliger Hinweis Raphaels zur Wort-Ton-Beziehung bzw. zu seinem Verständnis von apokalyptischer Verarbeitung im Geistlichen Lied. Alle drei Geistlichen Lieder sind formal dreigegliedert, aber durchkomponiert.

Drei geistliche Gesänge ohne opus-Zahl (1938)

Motetten und Kantaten schrieb Raphael in diesen so schweren Jahren der rassistischen Verfolgung, die ihn nach der Heirat (13.10.1934) mit seiner Frau nach Meiningen verschlug. 1937 entstand die Choralkantate Vater unser op. 58 für Chor, Orchester und Orgel. Bedingt durch die Lebensumstände, haben die Texte der geistlichen Werke und diese drei Geistlichen Lieder von 1938 gemeinsam, im Angesicht des gekreuzigten Christus die Bitte, das Flehen um Erlösung und Auferstehung zu artikulieren, damit ein Zeichen gegen die Signale der Zeit zu setzen: Unübersehbar gründen sich die drei Lieder auf Choralmelodien und Texten der Passion, sie sind gerade auch unter kompositorisch-dramaturgischen Gesichtspunkten als Zyklus zu verwenden.

Nr. 1 O hilf, Christe, Gottes Sohn (Text: Michael Weiße, Böhmische Brüder, 1531) lehnt sich formal als Strophenlied an die 8. (Schluß-) Strophe der Melodie Christus, der uns selig macht an. Ein vollgriffiger Orgel-Choralsatz inkl. Pedal (c.f. Leipzig um 1500, Böhmische Brüder 1501/1531, EG Nr. 77) führt den Choral durch, die Solostimme deklamiert völlig frei und ungebunden, sie zeichnet den Text nach, symbolisiert die Pointen der 8. Strophe (O hilf ..., meiden, fruchtbarlich bedenken, Dankopfer). Quarte als Prinzip, synkopische Einsätze wie Melismatik sind Spezifika im Raphael´schen Stil.

Nr. 2 Der du, Herr Jesu, Ruh und Rast ... (Text: Georg Werner, 1589 – 1643) bildet als Mitte der Lied-Trias eine durchkomponierte Drei-Strophenform in Anlehnung an die Textvorlage des Passionsliedes Der du, Herr Jesu, Ruh und Rast; von der Solostimme wird dreifach variiert (in freier Form; als figurierter c.f. sowie in einer Art Überhöhung die Verbindung beider Gestaltungselemente), textlich deklamiert sowie charakterbezogen Dynamik und Tempo modifiziert. Zwei Strophen interpretiert die Orgel in der Form des Biciniums (c.f. als Lehnmelodie von Herr Jesu Christ, dein teures Blut von Johann Olearius, 1611 – 1684, im Sopran original, nach kurzer Imitation mit der Vokalstimme als Motiv, variiert und sequenziert), bevor die dritte (Abschluß-) Strophe einen zeitweise siebenstimmigen Orgel-Pedal-Satz mit großem Ambitus und versteckter c.f.-Thematik gestaltet; Schlußzitat wieder als Original-Orgelsatz in die Ruhe hinein. Beide Geistlichen Lieder in ihrer ungewöhnlichen kompositorischen Anlage prägen das theologisch-musikalische Bild des Orgelliedes neu.

Nr. 3 O Lamm Gottes, unschuldig ... (Text: Nicolaus Decius, geb. um 1485, nach letzter Forschung nach 1546 gestorben) soll als Zentrum und Ziel des trinitarischen Geistliche-Lieder-Zyklus besprochen werden, theologisch und kompositorisch eine Zusammen-fassung und Verdichtung. Im Zentrum des liturgischen Geschehens angesiedelt, verarbeitet Raphael der Vorgabe des Passionsliedes gemäß (1531 nach dem altkirchlichen Agnus Dei) das heute ökumenische Lied in der dreigegliederten Form A B C; die Untergliederung A1-A2 entspricht der Struktur des c.f., die zweite Strophe in ihrem reinen Manualiter-Satz (unter absoluter Dominanz des Solo) schafft prägende Formkraft.

1. Strophe: (A1) Bekannter großflächiger Orgel-Pedal-Satz unter der Choralmelodie mit tonsymbolischer Deutung von Katabasis und Anabasis (bis T. 8); zwischen Parlando und Melisma deklamiert das Solo den Text, in Pointierung an das Ab (Kreuzestod) und Auf (Auferstehung) der Orgellinien; zwei weitere Merkmale: Tonrepetition und Rhythmik (Triolen, später Punktierungen, Überbindungen).

(A2) Über Orgelimitation entsteht ein bewußt ruhig gehaltener Orgelsatz (in halben Noten), der das vom Solo an drei Stellen dramatisch forcierte Symbol des die Sünde-tragens abstützt (getragen, verzagen, O Jesu).

2. Strophe: (B) Der emphatische Soloeinstieg gewinnt unter transparenter Orgelstütze (Manual) an Profil, das Repetitionsmotiv hat tonmalerische Funktion, neben den pointierten Melismen gewinnt die Oktave an Bedeutung (in Teil A die Quarte).

3. Strophe: (C) In Anlehnung an (A1) färbt die Orgel mit großem Ambitus im p ein      (Manual I!), das Choralzitat bekommt (ab T. 38) zugunsten eines sich entladenden Satzes freieren Duktus zugewiesen (verachtet), er ordnet sich schließlich der Singstimme unter und verengt völlig zur Stille; das Solo parliert-rezitiert O Lamm Gottes (T. 32) vehement, deklamiert emphatisch fünffach unter Betonung der Intervalle (Quinte, Sexte, Oktave); die Intensität beider Partner gestaltet sich stringent; alle Detailangaben zu Stufendynamik, Manual und Tempo werden erstmalig erweitert durch Atemzäsuren im Solo, ein Hinweis, zu welcher Einheit der Komponist die Interpreten seiner drei Orgellieder führen möchte. Auffallend bleibt zum Schluß das Choralmaterial des 16./17. Jahrhunderts, harmonisch-ästhetisch seine Anpassung an Charakter, Aussage und gottesdienstliche Funktion, barocke Nähe mit leicht romantischer Färbung.

     

Abbildung 106

O Lamm Gottes, unschuldig ohne opus-Zahl von Günter Raphael (1938),

aus Drei geistliche Gesänge für mittlere Singstimme und Orgel

(Text: Nicolaus Decius, ~ 1485 bis ~ 1546)

 

Als Günter Raphael (1903-1960) im Jahre 1949 „20 Advents- und Weihnachtsliedsätze"

schrieb, war es ihm nicht darum zu tun, zeitgenössische Komposit ionstechniken auf die

Chormusik anzuwenden, sondern er schuf einen Fundus an Liedern, der Hörern und Ausführenden

gleichermaßen zugänglich sein sollte. Sowohl das „Adventskyrie" als auch das

Wiegenlied „ Josef, lieber Josef mein" sind nicht st rophisch gesetzt , sondern durchkomponiert

, beide Choralsätze gewinnen an Helligkeit durch das allmähliche Hinzut reten der

hohen St immen; parallelle Quinten in den Bässen verleihen den Stücken mit ihrem Bordunklang

eine archaische Atmosphäre.

http://www.koelner-kantorei.de/Tontrager/Musik_zum_Advent/advent_booklet.pdf

 

Günter Raphael zum 100. Geburtstag
Am 30. April dieses Jahres wäre Günter Raphael 100 Jahre alt geworden. Grund genug, um Bilanz zu ziehen, über das Leben eines überaus begabten aber leider viel zu wenig betrachteten und besonders auch gespielten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Günter Raphael wurde 1903 in Herford geboren. Sein Großvater, der Komponist Albert Becker, war seinerzeit Leiter des Berliner Domchors. Raphael begann früh mit dem Komponieren und erwarb sich schon in jungen Jahren umfangreiche Kenntnisse in den verschiedenen musikalischen Stilrichtungen, sodass Arnold Ebel als privater Kompositionslehrer für ihn gewonnen werden konnte. Im Jahre 1922 erhielt er aufgrund seiner außerordentlichen Auf­nahmeprüfung das Stipendium der Robert-Schumann-Stiftung Leipzig, und an der Musikhochschule Berlin wurde Robert Kahn sein Kompositionslehrer. Durch die Vermittlung von Karl Straube, der mit dem zu diesem Zeitpunkt schon verstorbenen Vater Raphaels befreundet war, erhielt Günter Raphael die Möglichkeit, zwischen Mai und August des Jahres 1925 Privatunterricht bei Arnold Mendelssohn zu nehmen, wodurch sein Chorschaffen entscheidend geprägt werden sollte. Ein erster Erfolg wurde die Uraufführung seiner ersten Symphonie im Jahre 1926, die von Wilhelm Furtwängler im Leipziger Gewandhaus bestritten wurde. Obwohl der Komponist seinem symphonischen Erstling späterhin eher kritisch gegenüberstand, brachte ihm nicht zuletzt dieses Konzert einen Posten als Lehrer für Musiktheorie und Kompo­si­tion am Landeskonservatorium für Musik in Leipzig ein, den er bis 1934 innehatte. An diesem Punkt setzten jene Zeitge­scheh­nisse an, die der Karriere eines jungen, überaus begabten Kompo­nisten über mehr als ein Jahrzehnt hinweg ein bitteres und unge­recht­fertigtes Ende verschaffen sollten: Da der Vater Günter Raphaels vom jüdischen zum protestantischen Glauben überge­treten war, wur­de er selbst von den Nationalsozialisten in deren Jargon als "Halbjude" eingestuft, und ihm hierdurch ein Berufs- und Aufführungsverbot erteilt, sodass er nach dem Sommerse­mes­ter 1934 seine Stellung in Leipzig verlor. Trotz teilweise akuter Be­drohung seines eigenen Lebens emigrierte Raphael nicht, sondern verharrte in dem ihm so feindlich gesonnenen Deutschland. Hinzu trat eine schwere Erkrankung an Tuberkulose, die ihn bis zu seinem Tode begleiten sollte. An dieser Stelle soll auf die Arbeit "Musik - Das Ende aller Illusionen? Günter Raphael im NS-Staat" von Thomas Schinköth hingewiesen werden, die sich eingehend mit dem wohl tragischten Kapitel in Raphaels Biographie beschäftigt. Nach dem Kriege wurde es für Günter Raphael schwer, seine früh begonnene und durch die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten so abrupt endende Karriere wieder aufzunehmen. Da eine Tätigkeit als
 
Lehrer in Leipzig für ihn nicht mehr erreichbar war, nahm er 1949 einen Ruf als Lehrer für Komposition und Musiktheorie am Konservatorium in Duisburg an, und wurde ab 1957, bis zu seinem frühzeitigen, durch die jahrelange Krankheit verursachten Tod im Jahre 1960, Professor an der Kölner Musikhochschule. Günter Raphael hat der Nachwelt ein äußerst umfangreiches und viel­seitiges Oeuvre mit Beiträgen zu fast allen musikalischen Gat­tungen hinterlassen. Hinzu tritt eine Spannweite an Stilen, die sich von einer Brahms- und Regernachfolge in seinen Jugend­jahren bis zu einer vorsichtigen und kritischen Auseinandersetzung mit der Dodekaphonie im späten Schaffen des Komponisten hinzieht, ohne jedoch die Ausbildung eines ausgeprägten Personalstils zu beeinträchtigen. Da nahezu alle Kompositionen Raphaels verlegt worden und somit allesamt greifbar sind (sein Hauptverlag ist Breitkopf & Härtel), ist es umso erstaunlicher, dass der Name Günter Raphael nur selten auf Konzertprogrammen zu lesen, und nur ein verschwindend geringer Anteil an Werken auf Tonträgern erhältlich ist - ein Missstand, der - besonders anlässlich seines nun anstehenden 100. Geburtstags - dringend der Behebung bedarf. Erfreulicherweise findet momentan in Meiningen eine Konzertreihe zu Ehren des 100. Geburtstags von Günter Raphael statt, deren noch ausstehende Konzerttermine unter www.meiningen.de abrufbar sind. Einen guten Überblick über Leben und Werk des Komponisten vermittelt auch die Homepage www.guenter-raphael.de
[Claus Woschenko]

http://www.die-tonkunst.de/dtk-0304/Foyer/ind.html

 

Günter Raphael
Drei Geistliche Gesänge

Günter Raphael, geboren am 30. 4. 1903 in Berlin als zweites Kind einer Musikerfamilie, studierte 1922-1925 an der Berliner Musikhochschule Klavier, Orgel, Dirigieren, Musiktheorie und Komposition (die letzten beiden Fächern bei Robert Kahn). Im Anschluß nahm er einige Monate privaten Kompositionsunterricht bei Arnold Mendelssohn in Darmstadt und wurde 1926 als Theorie- und Kompositionslehrer am Landeskonservatorium und Kirchenmusikalischen Institut in Leipzig angestellt. Hier entstanden zahlreiche Klavier-, Orgel- und Vokalwerke sowie Streichquartette und Sinfonien - Kompositionen von großem satztechnischen Können, jedoch epigonenhaftem Charakter und stets tonal.

Da Raphael nach Nazi-Begriffen „Halbjude“ war, wurde er knapp anderthalb Jahre nach der NS-Machtergreifung aus seiner Lehrposition entlassen, obgleich sein kompositorisches Schaffen noch zuvor zum Vorbild einer neuen „völkischen“ Musikkultur und als Gegenstück für eine „entartete“ Kunst hatte herhalten müssen. Die für eine freischaffende Musikertätigkeit erforderliche Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer wurde dem mittlerweile mit seiner Frau Pauline in Meiningen lebenden Komponisten im Juni 1935 zwar vorläufig bewilligt, zwei Monate später aber wieder entzogen, nach dessen Widerspruch im Mai 1936 abermals mit Vorbehalt gewährt und schließlich im Februar 1939 wenige Monate nach der Reichspogromnacht endgültig abgesprochen. Dies bedeutete für Raphael eine erhebliche Gefährdung der Existenz, da finanzielle Rücklagen fehlten und Emigrationspläne fehlschlugen. Nur dank des unermüdlichen Einsatzes seiner Frau konnten er und seine Familie überleben.

Das Ende des „Dritten Reichs“ war allerdings keineswegs mit einer baldigen Rehabilitierung Raphaels gleichbedeutend. Bis 1949 lebte er ohne feste Anstellung in Laubach, danach unterrichtete er bis 1958 an den Städtischen Konservatorien in Duisburg sowie in Mainz und leitete zeitweilig die Paulus-Kantorei in Duisburg-Hochfeld. Erst 1957 erhielt Raphael einen Lehrauftrag und ein Jahr später eine Professur an der Kölner Musikhochschule. Kaum zwei Jahre nach dieser Berufung erlitt er jedoch einen körperlichen Zusammenbruch und starb am 19. Oktober 1960.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz blieb Raphaels Schaffenskraft zeitlebens ungebrochen. Paradoxerweise ging sogar die künstlerische Isolation während der NS-Zeit mit einer kompositorischen Entwicklung einher. Raphaels Stil verlor den Eklektizismus der Leipziger Jahre, die Harmonik wurde gewagter, an die Stelle früherer Üppigkeit trat eine durchdachte Askese der musikalischen Mittel.

* * *

Die Drei Geistlichen Gesänge für mittlere Stimme schrieb Raphael 1938. Eindrucksvoll legen sie Zeugnis ab, welchen Halt der Komponist im Christentum fand, gleich daß dieses Glaubensbekenntnis in den Augen der Nazis angesichts der jüdischen Abstammung bedeutungslos war.

Der erste Gesang, das „Morgengebet“ von Walther von der Vogelweide, wirkt in der Gestaltung der Vokalstimme und der Klavier-/Orgelbegleitung choralhaft. Deutlich funktionsharmonische Wendungen werden in dem wohl in h-phrygisch gedachten Stück vermieden, im Klavierpart fallen besonders beharrlich repetierte synkopische Haltenoten auf. Das folgende „Gebet“ nach Gustav Falke in c-äolisch-moll basiert auf der ostinaten Sechstonfolge c - B - As - Fis - D - G des Begleitungsbasses. Bei den Worten „rege“, „höher“ und „Sterne“ enthält die Gesangsstimme ausgedehnte und entsprechend gestaltete Melismen zur Textausdeutung. „Ein geistliches Lied“ von Martin Ulbrich bildet die Grundlage zu dem letzten Gesang des Opus. Das Stück knüpft an die Kontrapunktkünste Johann Sebastian Bachs an, Gesangsstimme und Begleitung bilden ein zuerst zweistimmiges, dann dreistimmiges und schließlich vierstimmiges kontrapunktisches Gewebe als musikalischen Ausdruck zunehmender Zuversicht, wie sie in den Liedworten von den „Wegen im Dunkel“ bis zum „herrlichen Ausgang“ ausgedrückt ist.

Johannes Gall
fk8x093@public.uni-hamburg.de

http://www.rrz.uni-hamburg.de/musik/exil/texte/lieder/raphael.html

 

Schlichter Klang mit Größe
CD-Neuerscheinung: Dresdner Motettenchor entdeckt vergessene Raphael-Werke
Von Peter Zacher

Günter Raphael (1903–1960) zählt zu jenen Komponisten, die aus dem Bewusstsein der Musikliebhaber so weit geschwunden sind, dass man zur Fachliteratur greifen muss, um Wichtiges über ihn zu erfahren. Das wohl Entscheidende ist, dass Raphael von den NS-Ideologen als Halbjude eingestuft wurde und von 1934 bis 1945 mit einem Berufsverbot belegt war. In der ersten Auflage der „Musik in Geschichte und Gegenwart“, die ab 1949 erschienen ist, findet sich dafür die beschönigende Formulierung, er habe sich „aus dem öffentlichen Leben zurückziehen“ müssen.

Obwohl Raphael in nahezu allen musikalischen Genres gearbeitet hat, war doch die Chormusik das eigentliche Zentrum seines kompositorischen Schaffens. Hierzu gehören sowohl anspruchsvolle doppelchörige Werke mit und ohne Orchester, etwa ein Requiem, wie auch schlichte Liedsätze in erster Linie für den liturgischen Gebrauch. Zu diesen gehören auch die 21 Sätze der vorliegenden CD, die erstmalig komplett veröffentlicht werden. Es sind schlichte, aber keineswegs kunstlose Sätze, die auch von nicht professionellen Chören, Gemeindekantoreien etwa, adäquat umgesetzt werden können.

Im Vordergrundsteht die Melodie

Die liturgische Funktion ergibt sich aus der Tatsache, dass das Ausgangsmaterial Choräle sind, die seit langer Zeit ihren Platz im Gottesdienst haben, aber natürlich nicht exklusiv an ihn gebunden sind. Die Interpretation durch den dresdner motettenchor überzeugt, weil sie der Schlichtheit der Sätze entspricht. Die Melodie steht im Vordergrund, und obwohl Raphael eine Tendenz zur Anlehnung an die Romantik zeigt, ist der Chorklang stets transparent. Wo der Komponist jede Strophe anders gesetzt hat, um den unterschiedlichen Textgehalten zu genügen, blüht der Klang oft zu hymnischer Größe auf, die von strahlenden Sopranstimmen beherrscht wird.

Die Textartikulation ist vorzüglich, das Pianissimo gut gestützt, die Tempi sind frisch, verletzen aber nie den Charakter eines Gemeindechorals. Die Aufnahmen beweisen die gute Arbeit des Heinrich-Schütz-Konservatoriums, an den der Chor angeschlossen ist.

Günter Raphael: Liedsätze mit Barbara Christina Steude (Sopran) und Anne Gohrband (Alt), dresdner motettenchor unter Leitung von Matthias Jung, Cantate

http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=563708

 

Schinköth, Th.
Zwischen den Fronten: Günter Raphael. In: Schinköth, Th. (Hg.): Musikstadt Leipzig im NS-Staat: Beiträge zu einem verdrängten Thema. Altenburg: Verlag Klaus-Jürgen Kamprad, 1997

http://www.uni-leipzig.de/forsch97/13000/13440_V.htm

 

Dem Kirchenmusiker Günter Raphael zum 100.: ein Komponistenportrait mit über 100 Mitwirkenden

25.11.2003 - (idw) Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
PM 168/2003

In der Konzertreihe "Greifswalder November" wird am Dienstag, dem 25. November 2003, um 20 Uhr im Dom St. Nikolai ein Portrait des Komponisten Günter Raphael gezeichnet. Der Komponist würde in diesem Jahr 100 Jahre alt (er starb 1960). Zuletzt wirkte er als Kompositionsprofessor in Köln. Günter Raphael hinterließ ein umfangreiches kompositorisches Werk, das vor allem in der Kirchenmusik Akzente setzte, aber auch Kammermusik und Orchesterstücke umfaßt (unter anderem fünf Sinfonien). Bei dem Konzert werden Beispiele aus verschiedenen Gattungen zu hören sein: Orgelmusik, Kammermusik (Sonate für Violoncello und Orgel), Lieder, Chormusik a cappella und mit Instrumentalbegleitung und zum Schluß ein Orchesterwerk: Jabonah, eine Suite nach mongolischen Weisen.

Das Programm gestalten über 100 Mitwirkende. Mechthild Stephan (Sopran), Ulrike Weber (Violoncello), der Kammerchor des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaft und das Universitätssinfonieorchester spielen unter Leitung an Klavier und Orgel von Kirchenmusikdirektor Prof. Jochen A. Modeß.

uniprotokolle > Nachrichten > Dem Kirchenmusiker Günter Raphael zum 100.: ein Komponistenportrait mit über 100 Mitwirkenden

http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/26166/

 

 

http://www.cantate.de/deutsch/c58019.htm

 

 

Günter Raphael (1903-1960)

Advents- und Weihnachtsliedsätze

dresdner motettenchor
Matthias Jung

Cantate C 58019
 

Erste Gesamtaufnahme

 

Christian Morgenstern: Poems

Six poems set to music in Günter Raphael's "Palmström-Sonate"


Palmström

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen. -
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

(from: "Palmström", 1910)


Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf daß er sich ein Opfer fasse

- und stürtzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.

Paul Schrimm erwidert prompt: Pitschü!
und hat ihn drauf bis Montag früh.

(from: "Palmström", 1910)


Nach Norden

Palmström ist nervös geworden;
darum schläft er jetzt nach Norden.

Denn nach Osten, Westen, Süden
schlafen, heißt das Herz ermüden.

(Wenn man nämlich in Europen
lebt, nicht südlich in den Tropen.)

Solches steht bei zwei Gelehrten,
die auch Dickens schon bekehrten -

und erklärt sich aus dem steten
Magnetismus des Planeten.

Palmström also heilt sich örtlich,
nimmt sein Bett und stellt es nördlich.

Im Traum, in einigen Fällen,
hört er den Polarfuchs bellen.
 

Westöstlich

Als er dies v. Korf erzählt,
fühlt sich dieser leicht gequält;

denn für ihn ist Selbstverstehung,
daß man mit der Erdumdrehung

schlafen müsse, mit den Pfosten
seines Körpers strikt nach Osten.

Und so scherzt er kaustisch-köstlich:
"Nein, mein Diwan bleibt - westöstlich!"

(from: "Palmström", 1910)


Das Perlhuhn

Das Perlhuhn zählt eins, zwei, drei, vier ...
Was zählt es wohl, das guteTier,
dort unter den dunklen Erlen?

Es zählt, von Wissensdrang gejückt
(die es sowohl wie uns entzückt):
die Anzahl seiner Perlen.

(from: "Palma Kunkel", 1916)


Die Geruchs-Orgel

Palmström baut sich eine Geruchs-Orgel,
und spielt drauf v. Korfs Nießwurz-Sonate.

Diese beginnt mit Alpenkräuter-Triolen
und erfreut durch eine Akazien-Arie.

Doch im Scherzo, plötzlich und unerwartet,
zwischen Tuberosen und Eukalyptus ,

folgen die drei berühmten Nießwurz-Stellen,
welche der Sonate den Namen geben.

Palmström fällt bei diesen Ha-Cis-Synkopen
jedesmal beinahe vom Sessel, während

Korf daheim, am sichern Schreibtisch sitzend,
Opus hinter Opus aufs Papier wirft ...

(from: "Palmström", 1910)


Fritz Wunderlich Discography

http://www.andreas-praefcke.de/wunderlich/discography/txtpalms.htm

Hit Counter