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 老子  道 德

 

Lǎozĭ  Dàodéjīng

 

Übersetzung + Kommentar

 

poetic! Poetic!

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The Tao of Dào Der Weg des Dào

 

 

 

Teil 1: Dào 1–37

  Picture

Der WEG

Bronze – Zhou Dynasty (1122-221 BCE):

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Seal – Qin-Han Dynasties (221 BCE-200 CE):
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© Adrian Chan-Wyles, PhD, (ShiDaDao) 2014.

 

© Adrian Chan-Wyles, PhD, (ShiDaDao) 2014. http://icbi.weebly.com/etymology-of-the-ideogram-lsquodaorsquo.html

 www.icbi.weebly.com/icbi-projects.html  Qianfeng Daoism (UK) - Introduction  Etymology of the Ideogram ‘Dao’

 Etymologie =  "Das Haupt in Bewegung; die Bewegung der Gedanken, welche mannigfaltig sind; durch das Leben reisen mit der Aufmerksamkeit für die Dualität der Einheit mit der Natur" [Nina Correa, p. 267].

Die Teile Dào und  sind in den Mǎwángduī-Texten insgesamt vertauscht: 1–37 folgen 38–81; außerdem erscheint Kap. 24 vor 22 und 23, Kap. 40 und 41 sind vertauscht und Kap. 80 und 81 nach 66 platziert.

 

01 - Der Mystische Weg

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道可道非常道。

dào dào ,fēi cháng dào 。

名可名,非常名。

míng kě míng ,fēi cháng míng 。

無名天地之始。

wú míng tiān dì zhī shǐ 。

有名萬物之母。

yǒu míng wàn wù zhī mǔ 。

故常無欲以觀其妙。

gù cháng wú yù yǐ guān qí miào 。

常有欲以觀其徼。

cháng yǒu yù yǐ guān qí jiǎo 。

此兩者同出而異名﹐同謂之玄。

cǐ liǎng zhě tóng chū ér yì míng ﹐tóng wèi zhī xuán 。

玄之又玄,眾妙之門。

xuán zhī yòu xuán ,zhòng miào zhī mén 。

Die Vernunft ...

"will auch Gott nicht, sofern er Gott ist.

 Warum? Weil er da (als solcher noch) einen Namen hat..

Und gäbe es tausend Götter,

sie bricht immerfort hindurch,

sie will ihn dort, wo er keinen Namen hat:

sie will etwas Edleres, etwas Besseres

als Gott, sofern er (noch) Namen hat."

Meister Eckhart. Die deutschen Werke.

Herausgegeben und übersetzt von Josef Quindt,

W. Kohlhammer, Stuttgart, 1971.

 

 Lǎozĭ nutzte die beiden Bedeutungen von Dào als Wortspiel um seinen "Agnostizismus" - hier als früheste Überwindung der Mythologie zugunsten einer reinen Philosophie! - einzuführen, der so früh nur mit dem Rigveda und mit Protagoras vergleichbar ist!

 

 01-06:

 Kann man Dào erklären,

 ist es nicht jenes zeitlose Dào.

 

 Kann man Begriffe begreifen,

 sind es nicht jene zeitlosen Begriffe.

 

 Unbegreiflich ist der Uranfang der Welt,

 begreiflich nur als aller Dinge Ursprung.

 Da „Dào“ eine bloße (Hilfs-)Bezeichnung für das Unergründliche ist, jenen zeitlos transzendenten Urgrund allen Seins und Nichtseins, kann es prinzipiell nicht erklärbar sein.

 Entsprechend können begreifbare Begriffe nicht zeitlos für jenen unergründlichen Uranfang sein, denn dieser ultimative Uranfang des Seins aus dem Nichtsein und des Nichtseins aus dem transzendenten Nichts ist inintelligibel.

 Die Seinsfrage („Warum ist Etwas und nicht etwa Nichts?“ – Leibniz et al.) bleibt zeitlos metaphysisch: das Unergründliche kann bloß als aller Seinsformen Ursprung (Abstraktionen, Dinge, Ereignisse, Lebewesen) gesetzt werden.

 

 01-02 Erklären meint einordnen in Zeit und Raum, so machbar mit Phänomenen innerhalb unserer begrenzten Raumzeit. Außerhalb von Raum und Zeit, jenseits des Reiches der Realität, endet jeglicher Anspruch, etwas in den imaginären, unvorstellbar zeitlosen Abgrund des absoluten Nichts einzuordnen.

 03-04 Dazu korrespondierend, wird innerhalb der subjektiven Welt des Bewusstseins das Prinzip des Benennens als Bezeichnen außer Kraft gesetzt. Begrifflichkeiten zur unvorstellbaren Transzendenz sind eitle Un-Wörter für die imaginäre Zeitlosigkeit; Bezeichnungen sind nur von Nutzen, seitdem das Nichts hervortrat in jegliche Seiendheit innerhalb der Raumzeit.

 05-06 Die Zeit begann gleichzeitig als Projektion der Raumzeit, daher ist die Zeit Null verstandesmäßig nicht zu begreifen, sondern nur vorstellbar als Urmutter aller Dinge.

 

 07-10:

 Daher: Ohne ständiges Begehren

 erschaue sein Geheimnis,

 mit stetem Begehren

 erschaue seine Begrenzungen.

 07-10 Solange unsere Bewusstheit von Begehrlichkeiten getrieben ist, nehmen wir Oberfläche und Begrenzungen der Phänomene in der Welt des Diesseits wahr; doch wenn unser Bewusstsein befreit ist von den Begehrlichkeiten, erschauen wir und nehmen bewusst die Feinsinnigkeiten und das Geheimnis in der Tiefe wahr.
 Sich an den Umriss der äußeren Welt halten lässt uns die Wunder des Seins enthüllen, mit der inneren Welt der Kontemplation in Einklang stehen lässt uns das Geheimnis des Nichts erhellen.

 

 11-15:

 Diese beiden erwachsen aus Einem,

 doch unterschiedlich bezeichnet:

 gemeinsam nenne sie tief und dunkel.

 

 Der Tiefe immer Unergründlicheres –

 aller Geheimnisse Pforte.

 11-12 'Diese beiden' wurden durch die Jahrhunderte hindurch unterschiedlich interpretiert und bezogen,
als:

 [ Sein & Nichts (Buddhismus),

 [ Beginn & 'Mutter [Wáng Bì],

 [ mit Begehren & ohne Begehren [et.al.],

 [ Namensloses & Namen-Habendes [v. Strauß],

 [ Geheimnis & Begrenzungen [h.a.],

 all jene Gegensätze führen unterschiedliche Bezeichnungen, treten jedoch heraus aus dem gleichen Ursprung: der großen Einheit der Gegensätze.

 13-15 Daher mag diese Einheit dunkel und unklar genannt werden, tiefgründig und verborgen, geheimnisvoll und mystisch.

 Dunkel als obskur und schweigend, ließ den Anfang und jene 'Mutter' entstehen: von Lǎozĭ nicht 'definiert', sondern bloß 'bezeichnet' als das Dunkle:

 "Das 'Dunkle' ... kann nicht bezeichnet werden als Sosein [und nichts anderes]. Sollte man es bezeichnen als Sosein [und nichts anderes], wäre es definitiv [sic!] nicht erlaubt, es als ein [spezifisches] Dunkles zu definieren.

 Wenn man es definieren sollte als ein [spezifisches] Dunkles zu sein und nichts anderes, wäre dies eine Definition, und dies wäre weit gefehlt. Darum also sagt Lǎozĭ 'Dunkles und wiederum Dunkles'." [Wáng Bì / Wagner 2003 p. 122-123].

 Das Dunkelste alles Dunklen  diese Farbe der Unendlichkeit; das letztmögliche Tor zum absoluten Nichts ... jenem schöpferischen Potential des transzendenten Dào.

 

 [

 

02 - Die Einheit der Gegensätze

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天下皆知美之為美,斯惡已;

tiān xià jiē zhī měi zhī wéi měi ,sī è yǐ ;

皆知善之為善,斯不善已。

jiē zhī shàn zhī wéi shàn ,sī bú shàn yǐ 。

故有無相生,難易相成,

gù yǒu wú xiàng shēng ,nán yì xiàng chéng ,

長短相形,高下相傾,

zhǎng duǎn xiàng xíng ,gāo xià xiàng qīng ,

音聲相和,前後相隨。

yīn shēng xiàng hé ,qián hòu xiàng suí 。

是以聖人處無為之事,行不言之教。

shì yǐ shèng rén chù wú wéi zhī shì ,háng bú yán zhī jiāo 。

萬物作焉而不辭。生而不有,

wàn wù zuò yān ér bú cí 。shēng ér bú yǒu ,

為而不恃,功成而弗居。

wéi ér bú shì ,gōng chéng ér fú jū 。

夫唯弗居,是以不去。

fū wéi fú jū ,shì yǐ bú qù 。

 Dào als die Einheit aller Gegensätze wird letztgültig im uralten Yin-Yang-Symbol 太極圖 Tài jí tú symbolisiert: komplementär und dynamisch ineinander fließend [.

 

 01-02:

 Ist sich weltweit jeder bewusst
 des Schönen Wirkung als Schönheit,
 dann 
ebenso des Hässlichen.

 Ist sich weltweit jeder bewusst
 des Guten Wirkung als Güte,
 dann ebenso des nicht Guten.

 01-02 Dieses höchst grundlegende Naturgesetz zeigt seine Gültigkeit ebenso in den philosophischen Kategorien der Ästhetik und Ethik: jedes Menschenwesen wird gewahr, wie sich Schönheit und Güte in ihren intuitiven Unterscheidungen gleichzeitig und unausweichlich ihre eigenen Gegenteile Hässlichkeit und Übel erschaffen.

 

 03-08:

 Somit: Sein und Nichts
 erzeugen 
einander,

 Schwere und Leichtigkeit
 vollenden einander, 

 

 Länge und Kürze
 formen einander,

 Hohes und Tiefes
 neigen sich zueinander,

 

 Ton und Stimme
 harmonieren miteinander,

 Zuvor und hernach
 folgen einander!

 03-08 Das gleiche Urprinzip, HeraklitEnantiodromie  alles fließt, wandelt und verwandelt sich umkehrbar in sein Gegenteil  beherrscht das Universum der Realität einerseits und die Welt der Realitätswahrnehmung andrerseits.
 "Sich erfreuen und ärgerlich werden kommen [folglich] aus der gleichen Tür heraus; daher ist es 
nicht möglich [nur eines von ihnen] einseitig aufzugreifen. Diese sechs [Paare, die aus dem Anfangsfestellung folgen] bringen alle den klaren Beweis dafür hervor, dass nichts
 in 
自然 'Dem-was-aus-sich-selbst-ist-was-es-ist' einseitig aufgegriffen werden kann" [Wáng Bì / Wagner].
 
 Von Beginn an verwurzelt in der Dualität von Sein und Nichts, muss es ebenso wahr sein in den angewandten ontologischen Ebenen von Raum und Zeit wie auch für das intellektuelle und emotionale Bewusstsein.

 

 09-16:

 Daher verbleiben weise Menschen
 in ihren Angelegenheiten  ohne eingreifendes Handeln,

 praktizieren die Lehre ohne Worte.

 

 Alle Geschöpfe entfalten sich da,
 doch lassen nicht nach;

 sie treten hervor,
 doch nicht besitzergreifend;

 sie bewirken,
 doch nicht darauf pochend.

 

 Sie vollbringen Aufgaben,
 doch verweilen nicht dabei:

 denn gerade nicht dabei verweilend,
 so entschwinden sie nicht.

 09-10 Das fundamentale Dàoistische Konzept des 無為 wú wéi als müheloses Handeln basiert auf dem Prinzip des 自然 zì rán "von selbst so", somit "natürlicherweise; spontan": im individuellen Leben ebenso wie im Leiten eines Staates.
 Konsequenterweise bedeutet das Praktizieren des 
Dào so wenig wie möglich einzugreifen: in die Harmonie der Natur und ihrer intrinsischen, immanenten Kraft der Selbstregulierung.
 Keinerlei absichtsvolle Einmischung wird 
Schaden verhüten: mühelos, zweifellos, elegant  wie es auch wortloses Lehren als unmerkliches Vorbild zu tun vermag.

 11-13 Demzufolge lassen absichtslose Unparteilichkeit und Nichteingreifen des Weisen die Mannigfaltigkeit der Wesen unaufhörlich entfalten.
 Lehrer ohne Worte erscheinen um zu fördern, nicht zu besitzen; ihr Handeln ohne zu handeln wird niemals irgendwelche Verdienste beanspruchen.

 14-16 "Es ist genau darum, dass sie sich nicht [mit diesen besonderen Leistungen] aufspielen, dass sie nicht entschwinden." [*]: nur vom Weisen abhängig könnten sie nicht fortdauern.
 Aufgrund ihrer selbstlosen Einstellung erfüllen sie ihre Aufgaben, doch niemals verweilen sie dabei.
 Und gerade, da sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, werden sie nicht in Vergessenheit geraten!

 

 [

 

03 - Schlichtheit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

不尚賢, 使民不爭。

bú shàng xián , shǐ mín bú zhēng 。

不貴難得之貨,使民不為盜。

bú guì nán dé zhī huò ,shǐ mín bú wéi dào 。

不見可欲,使民心不亂。

bú jiàn kě yù ,shǐ mín xīn bú luàn 。

是以聖人之治,虛其心,

shì yǐ shèng rén zhī zhì ,xū qí xīn ,

實其腹,弱其志,強其骨;

shí qí fù ,ruò qí zhì ,qiáng qí gǔ ;

常使民無知、無欲,

cháng shǐ mín wú zhī 、wú yù ,

使夫智者不敢為也。

shǐ fū zhì zhě bú gǎn wéi yě 。

為無為,則無不治。

wéi wú wéi ,zé wú bú zhì 。

 [ Die daoistischen Grundprinzipien gelten universell: gleichermaßen für unbelebte wie belebte Systeme, einfache und komplexe Lebensformen, seelenlose und beseelte Wesen, und für Individuum und Gesellschaft.

 [ Um die Überführung der daoistischen Einsichten auf die ebene des weisen Herrschers vorzubereiten, legt Laozi die wesentlichen Fallen für das menschliche Herz offen: Begehrlichkeit und Habsucht.
 

 01-06:

 Tüchtige nicht verherrlichen

 lässt Menschen nicht wettstreiten.

 

 Schwer zu erlangende Güter nicht überschätzen

 lässt das Volk keinen Raub begehen.

 

 Begehrenswertes nicht präsentieren

 lässt der Leute Herz unverwirrt.

 01-02 Auf andere Leute bezogen, führt dies - als Neid und Eifersucht, oder verkleidet als Bewundern und Verherrlichen  zu Wettbewerb und zum Abhandenkommen des Dritten der Drei Schätze in Kap. 67.
 Die Tüchtigen und Ehrenwerten nicht zu erhöhen und verherrlichen vermeidet die Abwärtsspirale des Wettkampfs.

 03-06 Bezogen auf Gegenstände verleitet Rarität zur Räuberei (Kap. 53); weise Menschen verstecken ihre Schätze (Kap 70), weise Führer Wohlstand und Waffen.

 

 07-11:

 Daher wird des Weisen Regieren ...

 ihre Begehrlichkeiten lindern,  

 ihre Bedürfnisse befriedigen,

 ihren Ehrgeiz dämpfen,

 ihre Mitte stärken.

 07-11 Daher meiden weise Herrscher als Vorbilder Übersteigerung, Übertreibung, Übermaß (Kap. 29), um die Begehrlichkeiten des Volkes zu dämpfen und ihr Herz [ihren Ehrgeiz] zu lindern, jedoch den Kern von Leib und Seele zu stärken und ihre Innere Kraft zu fördern.
 "Er leert [das was] Wissen
* hat [the heart] und füllt [das was] kein Wissen hat [the belly]. Knochen sind ohne Ambition und daher stark. Ehrgeiz schafft Vorfälle und führt daher zum Chaos. [Auf diese Weise] veranlasst er andauernd das Volk, ohne Wissen und Begehrlichkeiten zu sein." 
[* Wáng Bì / Wagner].
 
* "'Jene, die Wissen haben' bezieht sich auf jene, die Wissen haben über [wie zu] handeln. Wenn [sie] das Nicht-Eingreifen betreiben, wird es nichts geben, das nicht wohlgeordnet ist. [Dito für jene, die Begehrlichkeiten haben." 
[*].

 

 12-15: 

 Beständig belassen sie das Volk
 ohne
 Schläue 
und Begehrlichkeiten,

 und jene mit Schläue
 lassen 
sie
 nicht wagen einzugreifen.

 Handeln ohne einzugreifen

 lässt alsdann nichts unerledigt.

 12-13 Wettkampf gebiert Schläue  weise Führer verhüten allemal derlei Fehlnutzung reinen Wissens.
 Sie lassen es die Überlegenen nicht wagen, die Unterlegenen zu missbrauchen 
 durch den Eingriff in die spontane Selbstregulierung sozialer Systeme.

 14-15 Nicht-Eingreifen meint handeln ohne zu handeln: verständige Herrscher vertrauen in das grundlegende daoistische Konzept des 無為 wú wéi (Kap. 02) als mühelosen Weg, nichts ungetan zu lassen.

 [

 

04 - Unergründlichkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

道沖而用之或不盈。

dào chòng ér yòng zhī huò bú yíng 。

淵兮似萬物之宗。

yuān xī sì wàn wù zhī zōng 。

挫其銳解其紛,和其光,

cuò qí ruì jiě qí fēn ,hé qí guāng ,

同其塵,湛兮似或存。

tóng qí chén ,zhàn xī sì huò cún 。

吾不知誰之子,象帝之先。

wú bú zhī shuí zhī zǐ ,xiàng dì zhī xiān 。

 [ "Dào wird als eine paradoxe Polarität beschrieben: Es steht für die Leere unendlicher Potenzialität." [Simon].

 [ Der transzendente Anteil des Dào jenseits der Singularitätsgrenze, das Nichts, bedeutet gleich-"zeitig" die letztgültige Potenzialität.

 

 01-04:

 Dào: wie sich ergießend, doch im Gebrauch

 wohl nicht zu füllen.

 

 Abgründig tief, oh,

 anscheinend aller Wesen Urgrund.

 01-02 Wie das Vakuum innerhalb des existierenden Universums bereits ein Füllhorn ist an virtuellen kürzestzeitigen Seienden, umso mehr ist die schöpferische Leere im imaginären Reich des Nichts unendlich überfließend.
 Doch ist diese formlose Leerheit niemals zu "füllen" oder zu erschöpfen - sich weise sehnend nach "zeit-weisem" Sein.

 03-04 Der ursprüngliche Symmetriebruch der großen Einheit von Sein und Nicht-Sein trat hervor aus reinster Potentialität.
 Anscheinend abgründig unbegreiflich in seiner Tiefgründigkeit, wird der Urgrund allen Seins von all den Geschöpfen als ältester Ahnherr bezeichnet: sich "zeit-weise" sehnend nach zeitlosem Nicht-Sein.

 

 05-08:

 Es mildert ihre Schärfe,

 entwirrt ihre Verwicklung,

 mildert ihren Glanz, und

 wird eins mit ihrem Staub.

 05-08 Entlehnt von Kap. 56:

  [ wird der ausgleichende und erlösende Wesenszug des Dào - nun in seinem immanenten Anteil - in vier Veranschaulichungen erläutert.

  [ Schärfe, Verwicklung, Glanz und Nicht-Einssein werden mittels der Sanftheit des Dào erleichtert: peu à peu zur ursprünglich ungebrochenen Symmetrie hin.

  [ Am Ende des Tages aller Tage werden alle Geschöpfe befreit in das Einssein mit ihrem irdischen Staub, alle Dinge mit ihrem Sternenstaub.
 
Diese Identifikation des Dào sogar mit dem Staub der Geschöpfe wurde als ähnlich vermerkt mit der christlichen Idee einer Synthese von Schöpfer und Geschöpf. [v. Strauß 1870 p. 25].

 

 09-12:

 Verborgen, oh,

 es scheint zu 'existieren' als bloße Möglichkeit.

 

 Wessen Kind? Ich weiß es nicht:

 offenbar des Himmelsherrn Vorspiel!

 09-10 Die Potentialität des Nichts träumt bereits von der Möglichkeit von Etwas.

 11-12 Im Dàodéjīng  , der 'Herr (des Himmels)', wird nur hier erwähnt: sogar dieser einst höchste Gott wird reduziert durch Dào als seinen Vorläufer!
 Das Kind sucht nach seiner Herkunft: agnostische Ehrlichkeit verehrt das namenlose, 'zeit-lose', unbegreifliche Dào, das himmlische 
Vorspiel zu allen 'erschaffenen' (erdachten) Schöpfern.

 [

 

05 - Schöpferische Leere

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天地不仁,以萬物為芻狗。

tiān dì bú rén ,yǐ wàn wù wéi zōu gǒu 。

聖人不仁,以百姓為芻狗。

shèng rén bú rén ,yǐ bǎi xìng wéi zōu gǒu 。

天地之間,其猶橐籥乎﹖

tiān dì zhī jiān ,qí yóu tuó yào hū ﹖

虛而不屈,動而愈出。

xū ér bú qū ,dòng ér yù chū 。

多言數窮,不如守中。

duō yán shù qióng ,bú rú shǒu zhōng 。

 Die "Menschenfreundlichkeit" (仁 réndes Konfuzius (孔夫子 Kǒng  ) als Regel zur Sozialverträglichkeit, ist anthropozentrisch, daher voreingenommen und nicht so universell wie das Dào.
 
Mutter Natur operiert oberhalb allen menschlichen Anspruchs auf Einzigartigkeit.

 

 01-04:

 Himmel und Erde  sind nicht 'menschlich' 

 denn alle Geschöpfe werden betrachtet
 wie
 Opferhunde aus Stroh.

 Auch Weise Herrscher sind nicht 'menschlich' 

 denn alle Menschen werden ähnlich betrachtet
 
wie Opferhunde aus Stroh.

 01-04 Am Ende ihrer Tage ... wird die zeitweilige Existenz aller Kreaturen geopfert wie rituelle Strohhunde (kostbar geschmückt, dann achtlos weggeworfen)  für die höhere Idee der Evolution: unvoreingenommen, unparteiisch (Kap. 79) 'allen Dingen' gegenüber, insofern nicht "menschenfreundlich".
 Mit
 "... Mitleid und Eingreifen würden die Wesen nicht in ihrer Gesamtheit bestehen bleiben [da dieses Mitleid und das Eingreifen parteiisch wäre und einige gegenüber anderen bevorzugen würde]. Wenn die Wesen nicht in ihrer Gesamtheit bestehen bleiben, dann würden [Himmel und Erde] darin versagen, vollständig für [alle Wesen] zu sorgen." [Wáng Bì / Wagner].
 Weise leben das 
Dàals Dé, bevor beides an die "Menschlichkeit" verloren ging (Kap 18, 38), sie verkörpern so die universelle Integrität des Dào: als Vorbild für allumfassende Herrscher ohne jegliche Vetternwirtschaft.

 

 05-08:

 Himmel und Erde – ihr Zwischenraum

 gleicht einem Blasebalg:

 Leer, und doch nicht zusammenfallend:

 umso schöpferischer in Bewegung.

 Blasebalg oder 'Trommel oder Flöte': "...Trommel und Flöte sind leer und hohl. [Die Flöte] besitzt keine Gefühle [von sich selbst, einen Klange vor dem anderen zu bevorzugen]. [Die Trommel] zeigt keine Aktivität [von sich selbst, diese Resonanz eher als eine andere zu erzeugen]."
 Beide, Trommel und Flöte, sind unerschöpflich, und so ist der Raum zwischen Himmel und Erde unerschöpflich
; sich an die Mitte haltend, "legen sie ihre Selbste ab und stellen sich in den Dienst anderer Wesenheiten, so dass es keine gibt, die nicht wohlbestellt ist." [*].

 Das Sein entstand aus dem Nichts (Kap. 40), jener ausschweifenden, kreativen Leere.

 05-08 [Scholie]. Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde ... [Hamlet I, 5aufgrund der unerschöpflichen Antriebskraft des leeren Raums zwischen den beiden: schöpferisch hin- und herpendelnd, doch niemals zusammenfallend  im Schmieden unserer Geschicke.
 Einmal in Bewegung, wird das Perpetuum mobile des 
Dào, symbolisiert im Blasebalg der Natur, alle Wesen fortdauernd hegen und pflegen.

 

 09-10:

 Viele Worte erschöpfen sich häufig:

 nicht gerade, als bewahrte man seine Mitte.

 Spruchweisheit in Reimform:

 窮 qióng 中 zhōng, erinnernd an Wittgenstein's "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." [German original, 1921].

 09-10 Von der Selbstbegrenzung der Oberfläche zur Tiefe der Versenkung (Kap. 1) muss das Netzwerk der Worte gegen den Klang der Stille eingetauscht werden, die Ratlosigkeit des Randbereichs gegen die Geborgenheit der Mitte.
 Lass los und finde.

 [

 

06 - Das Mystisch-Weibliche

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

谷神不死是謂玄牝。

gǔ shén bú sǐ shì wèi xuán pìn 。

玄牝之門是謂天地根。

xuán pìn zhī mén shì wèi tiān dì gēn 。

綿綿若存,用之不勤。

mián mián ruò cún ,yòng zhī bú qín 。

 [ Von 列子 Lièzǐ (~ 440-360) als gereimte Lehrsprüche vor (aa bbbb) Lǎozĭ erwähnt, als auf den 'Gelben Kaiser' zurückgehend.

 [ Alternative Deutung: lebensverlängernde Atemtechniken breathing durch 河上公 Héshàng Gōng  verlacht von 庄子 Zhuāngzǐ (~ 365-290) in ch. XV.

 

 01-06:

 Unsterblich ist der Geist des Tals:

 genannt das dunkle Weibliche ...

 Des mystisch Weiblichen Pforte,

 genannt aller Welt Uranfang:

 ungreifbar, ist er doch offensichtlich da 

 unerschöpflich sein Nutzen.

 01 "Der 'Geist des Tals' ist das Nicht-Tal in der Mitte des Tals" [王弼 Wáng Bì / Wagner, 2000, 210].
 Der Geist (
ch. 29) des Tals (ch. 39.04-05) ist form- und bewegungslos, 
passiv-niedrig (ch. 66, 32; 28 als die leere Mitte, umgeben von Fülle (ch. 11, 5), gelassen als höchstes Wesen.
 Diese Yin-Perspektive des 
Dào gleicht einem Flussbett, das unaufhörlich ausfließt, und dessen Strömung ins Dasein nie versiegen wird. 

 02 Genannt (), nicht definiert () als geheimnisvoll, dunkel (~Himmel) und weiblich (~Erde): das transzendente, namenlose, unerschöpfliche Dào, einmal durch den Geburtskanal der Pforte gelangt, wird zu Mutterschoß und nährender Mutter von allem.

 03-04 Diese mystische Tor des Weiblichen (ch. 1 zwischen Ursprung und Mutter, schenkt Leben an Yin und Yang als der Grundlage aller Wesen, auch Wurzel genannt (Quelle und Urgrund, ch. 16) von Himmel und Erde.

 05-06 Unfassbardas Dàist immateriell und unbegreiflich, aber dennoch gleichsam als ob existent: ... wie ein (nicht enden wollender) Seidenfaden, wünscht man, dass es da sei, zeigt es nicht seine Form, wünscht man, dass es nicht da sein, werden doch alle Wesen durch es entstehen.
 Unerschöpflich: kein Wesen, das nicht durch das Dàvollendet wird, doch im Gebrauch schenkt das Dà
stets mühelos.

 [

 

07 - Unvergängliche Selbstlosigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

天長地久。

tiān zhǎng dì jiǔ 。

天地所以能長且久者,

tiān dì suǒ yǐ néng zhǎng qiě jiǔ zhě ,

以其不自生,故能長生。

yǐ qí bú zì shēng ,gù néng zhǎng shēng 。

是以聖人後其身而身先,

shì yǐ shèng rén hòu qí shēn ér shēn xiān ,

外其身而身存。

wài qí shēn ér shēn cún 。

非以其無私邪!故能成其私

fēi yǐ qí wú sī xié !gù néng chéng qí sī

 Nur das Dào ist zeitlos.
 Demut bewahrt, Genügsamkeit erfüllt.

 

 01-04: 

 Der Himmel scheint ewig,
 die
 Erde 
dauerhaft.

 Dadurch vermögen Himmel und Erde
 so
 beständig und von Dauer sein:

 weil sie nicht für sich selbst leben,

 daher können sie beständig bestehen.

 01  "Der Himmel 'überragt', Die Erde dauert an ... Sollten sie für ihre eigenen Interessen leben, sie würden mit [anderen] Wesen ringen. Da sie nicht für ihre eigenen Interessen leben, führen sich die [anderen] Wesen auf sie zurück." [王弼 Wáng Bì / Wagner].
 
Nachdem das Tor zum Nicht-Nichts passiert war, ist daher
 Dào überall zwischen Himmel und Erde unbedingt beständig und dauerhaft.

 02 Noch immer dem Geist des Dàfolgend, besitzt die Welt die Kapazität (Dé), beständig und langanhaltend zu sein.
 Dabei gehorchen Himmel und Erde den Naturgesetzen, welche wiederum dem Vorbild des 
Dàfolgen und dessen Zeitlosigkeit berühren.

 03-04 Dào ist nicht eigennützig (Kap. 2, 13, 19, 22, 26) und handelt ohne einzufordern (Kap. 2, 34).
 Entsprechend folgen Himmel und Erde keinerlei eigenen Absichten, sie "leben" nicht sich selbst wegen, daher sind sie in der Lage, fortzudauern und "langlebig" genannt zu werden.

 

 05-10:  

 Darum: Weise Menschen
 stellen 
ihr Selbst hintan

 und gehen doch selbst voraus,

 entäußern sich ihrer eigenen Person –

 und doch bleibt ihre Person bewahrt.

 Nicht wahr: weil
 sie keine Eigeninteressen vertreten,

 darum können sie
 ihre persönlichen Ziele erfüllen.

 05-08 Weise streben dem uneigennützigen, unparteiischen und unvoreingenommenen Weg der Natur nach.

 Entsprechend setzen sie ihr Selbst hintan, sie berücksichtigen ihre Eigenbelange nicht und entäußern sich ihrer eigenen Person.

 Dennoch führt die "mütterliche" Paradoxie des Dàin seinem Handeln ohne zu handeln die Weisen allen voran und lässt sie als Person bewahrt bleiben.

 09-10 Lǎozĭ's rhetorische Frage zielt auf ziellose Selbstvergessenheit als entscheidendem Wesenszug der Weisen.

 Schlussendlich hebt er just diese Eigenschaft als wesentlich dabei hervor, ihre Eigeninteressen paradoxerweise doch vollenden und ihre persönlichen Ziele bewältigen zu lassen.

  V. Strauß vergleicht dies mit "So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein." [Matthäus, 20:16und "Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden." [Matthäus 23:12], in Nietzsche's Version: "Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden."

 [

 

08 - Konkurrenzlose Anpassungsfähigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

上善若水。

shàng shàn ruò shuǐ 。

水善利萬物而爭,

shuǐ shàn lì wàn wù ér bú zhēng ,

處眾人之所惡,故幾於道。

chù zhòng rén zhī suǒ è ,gù jǐ yú dào 。

居善地,心善淵與善仁,

jū shàn dì ,xīn shàn yuān yǔ shàn rén ,

言善信,正善治,

yán shàn xìn ,zhèng shàn zhì ,

事善能,動善時。

shì shàn néng ,dòng shàn shí 。

夫唯不爭,故無尤

fū wéi bú zhēng ,gù wú yóu

 Dào - Der Lauf des Wassers. [A. Watts].

 

 01-05:

 Höchste Güte gleicht dem Wasser:
 seine Güte nützt allen Wesen –
 und doch ohne Wettstreit.

 Es weilt an Orten, die jeder verachtet –
 daher nahe zum Dào.

 01 Die höchste Güte und auch Weise, die oberste Güte erreicht haben, werden symbolisiert durch Wasser: seine Nachgiebigkeit und Anpassungsfähigkeit, seine Bereitwilligkeit und Selbstlosigkeit.
 
"Die anderen verabscheuen niedrige [Positionen]" ... Wasser ist "nahezu wie", nicht identisch mit dem Weg, weil es eine Wesenheit darstellt.
[*王弼 Wáng Bì / Wagner].
 'Nahe' meint hier beides: 'ähnlich' und 'nahebei', möglicherweise mit Absicht des Alten Meisters.
[
v. Strauß 1870 p. 39].

 02-03 Wie Wasser lebenswichtig ist für die Myriaden von Lebensformen, bedeutet unauffällige und unaufdringliche Güte zu allen Untertanen die ethische Essenz weiser Herrscher.
 
Unveräußerlich für beide, Wasser wie Wegweisung, ist der innewohnende Kern der Kooperation: stetes Begegnen, nie im Wettstreit.

 04-05 Unumgänglich auch, für das Symbol des Wassers wie für die oberste Güte unparteiischen Leitens, muss die unbeschränkte Bereitschaft und Verfügbarkeit sein, überallhin zu fließen: auch und gerade in die niedrigsten, unansehnlichsten Orte, die jedweder Geist des Wettbewerbs verschmähen würde.
 Dies ist der Weg ... Nähe zum 
Dàzu erlangen.

 

 06-12:

 Güte:
 Im
 Wohnen 
 niedere Orte,

 in Herzensangelegenheiten  Tiefe,

 im Geben  Mitmenschlichkeit,

 im Gespräch  Aufrichtigkeit,

 im Verwalten  Ordnung,

 bei Geschäften  Kompetenz,

 bei Handlungen  Zeitgefühl.

 Die Güte der Weisen folgt dem Lauf des Wassers.
 Philosophische Grundlegung und allgemeine Prinzipien der Güte 
 als unbegrenztes Fließen und allwaltendes Herrschen nahe am Dào! – sollen nun wie folgt mittels sieben praktischer Ausführungen beleuchtet werden:

 06-12 Güte:

 [ Rechtes Wohnen scheut keine niedrigen Orteweise Anführer leben in Niederungen und begründen dabei ihre innere Hoheit.

 [ Dem bescheidenen Herzen schenkt die Güte Tiefe, dem besonnenen Denken Tiefgründigkeit.

 [ Rechtes Geben ist entgegenkommend, insofern mitmenschlich auf Augenhöhe.

 [ Die Güte eines Gesprächs beruht darauf, aufrichtig und ehrlich zu sein.

 [ Gutes Verwalten erfolgt auf lautlose Weise: Regulierung ohne Reglementierung.

 [ Gutes Geschäftsgebahren basiert auf ehrlicher Kompetenz und erlesener Expertise.

 [ Format im Handeln erfordert Rechtzeitigkeit, spontanes Ingangsetzen basiert auf gutem Zeitgefühl.

 

 13-14:

 Denn nur ohne Wettstreit

 folgt dann kein Groll.

 13-14 Die Regel aller Regeln, nicht in Wettstreit zu treten, ist unabdingbar:

  [ Zusammenspiel statt Wettbewerb,

  [ Aufgeschlossenheit statt Ungleichbehandlung

  [ Gemeinwohl vor individueller Begünstigung

 "Dies meint, dass Wasser in allen Eigenschaften diesem Weg entspricht." [*].
 
Sie stellen den geistigen Rahmen für ein Reich ohne Ranküne dar, für einen Rückzugsort ohne Resentiment.

 [

 

09 - Loslassen

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

持而盈之不如其己;

chí ér yíng zhī bú rú qí jǐ ;

揣而銳之不可長保;

chuāi ér ruì zhī bú kě zhǎng bǎo ;

金玉滿堂莫之能守;

jīn yù mǎn táng mò zhī néng shǒu ;

富貴而驕,自遺其咎。

fù guì ér jiāo ,zì yí qí jiù 。

功遂身退,天之道。

gōng suí shēn tuì ,tiān zhī dào 。

 Angesichts des zyklischen Tanzes der Yin-Yang-Dualität in aller Natur stellen die Versuche der Menschen, Mittel und Wege zu maximieren, kurzlebige Episoden dar, die zum Scheitern verurteilt sind.

 

 01-04:

 Etwas erhalten und zugleich übersteigern 

 nicht so gut wie es belassen.

 

 Zugleich polieren und schärfen 

 vermag nicht lange zu beschützen!

 01-02 Ein Gefäß beidhändig zu ergreifen und gleichzeitig bis zum Rand zu füllen, etwas bewahren und übertreiben, gebrauchen und zugleich überspannen – lass' es besser sein.
 " 'Aufrechterhalten' bezieht sich auf [was in Laozi 38 heißt] 'nicht loslassen aus Erhalt / Kapazität.' Falls [er] bereits loslässt aus seiner Kapazität, aber noch immer hinzufügt, [resultiert dies in] einer Situation, wo es eine unvermeidbare Gefahr gibt, gestürzt zu werden." [*王弼 Wáng Bì / Wagner].

 03-04 Eine Klinge polieren und gleichzeitig schärfen, ein zweischneidiges Schwert härten und zugleich überschärfen – der Pfad der Perfektion wird nicht lange beschützen.
 "Wenn jemand bereits die Spitze [eines Schwertes] poliert hat, derart, dass sie gespitzt wird, und schleift sie darüberhinaus, so dass sie scharf werde, [entsteht] eine Situation, in welcher es unvermeidlich ist, dass man eine Niederlage erleidet." [*].

 

 05-08:

 Mit Gold- und Jade gefüllte Paläste

 kann niemand bewachen.

 

 Reich und geehrt, doch hochmütig 

 sich selbst seinem Unglück auszuliefern.

 Nach einiger nützlichen Ausstattung in Krieg und Frieden werden nun Reichtum und Ruhm verdeutlicht:

 05-06 Stelle niemals deine Schätze zur Schau: die Kostbarkeiten in den Palästen können nicht für lange Zeit bewahrt werden ... nicht so gut wie nichts zu haben.

 07-08 Auch rühme dich nie deiner Verdienste: wie Wohlstand, sind auch Ruhm und Ehre häufig mit hochnäsiger Arroganz verknüpft.
 Dies wird Unheil und Verhängnis über dich bringen – Hochmut kommt vor dem Fall.

 

 09-10:

 Sich zurückziehen nach vollbrachter Tat:

 der Weg der Natur.

 Dào als Mutter aller Dinge ist auch Methode, Ablauf und Verfahren – als Weg des Himmels, als Weg der Natur.

 09-10 Wenn die Aufgabe bewerkstelligt, das Werk vollendet ist ...

 [ zeigt der Weg des Dào einem weisen Herrscher, wie man sich hernach zurückzieht: das Dào kehrt zurück in seinen unsichtbaren Ursprung.

 [ "Die vier Jahreszeiten wechseln, wenn die Ausgabe [von einer von ihnen] efüllt ist, gibt es eine Veränderung [zur nächsten]." [*].

 [ Auch Weise und ebenso kluge Anführer kehren zurück zu ihrem Ausgangspunkt – und zur nächsten Phase im immerwährenden Zyklus.

 [

 

10 - Reinheit und Anspruchslosigkeit

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

載營魄抱一,能無離乎﹖

zǎi yíng pò bào yī ,néng wú lí hū ﹖

專氣致柔,能如嬰兒乎﹖

zhuān qì zhì róu ,néng rú yīng ér hū ﹖

滌除玄覽,能無疵乎﹖

dí chú xuán lǎn ,néng wú cī hū ﹖

愛國治民,能無為乎﹖

ài guó zhì mín ,néng wú wéi hū ﹖

天門開闔,能為雌乎﹖

tiān mén kāi hé ,néng wéi cí hū ﹖

明白四達,能無知乎。

míng bái sì dá ,néng wú zhī hū 。

生之,畜之,生而不有;

shēng zhī ,chù zhī ,shēng ér bú yǒu ;

為而不恃;長而不宰,

wéi ér bú shì ;zhǎng ér bú zǎi ,

是謂玄德。

shì wèi xuán dé 。

 Die Festellungen "!" / Fragen "?" in 01-12, die ein "ja" erheischen, wurden Dàoistische Hymne [Arthur Waley] oder Katechismus [Ernst Schwarz] genannt.

 

 01-06:

 Bewahre Geist und Seele, belasse ihre Einheit,

 kannst du wohl ungespalten sein?

 Bündele Lebenskraft, erreiche Nachgiebigkeit,

 kannst du wie ein neugeborenes Kind sein?

 Vertreibe finstere Visionen,

kannst du gewiss ohne Makel sein?

 Die Zeilen 01-06 zielen ab auf individuelle Selbst-Vervollkommnung:

 01-02 Das allgemeine dàoistische Prinzip "Einheit der Gegensätze" wird hier auf die "Sprituelle Seele des Yang (Atmen/Übungen, Bewusstsein) und die Körperliche Seele des Yin (Blut/Kreislauf, Wahrnehmung) angewandt – und darauf, wie beide Kräfte kombiniert werden können zum ungeteilten Einssein, dem Fließen des Dào, das in Dé lebt.
 
Lǎozĭ scheint folglich 營 yǐng die “Spirituelle Seele” und 魄  die "Sterbliche Seele", welche dem Körper anhaftet, ähnlich zu unterscheiden wie Aristoteles' ψυχή und νοῦς [v. Strauß 1870 p. 46].

 03-04 Die Konzentration auf das  Qì (Kap. 42), als Liaison beider Seelenformen, lässt die notwendige Nachgiebigkeit und Geschmeidigkeit eines Neugeborenen erreichen (Kap 10, 28, 41), sie bewahrt die Fülle seiner Inneren Kraft (Kap. 55), mit Anklängen an die Upanishaden ("The Brahmane sollte das Lernen verlassen und wie ein Kind werden."), und später  Yē sū.

 05-06 Den inneren Bewusstseinsspiegel makellos von dunklen Visionen zu reinigen, kann erreicht werden: durch frei sein von Begehrlichkeiten (Kap. 1), durch Erschauen der Segen des Nichts (Kap. 11, 14, 48), klären des Trüben mittels Behutsamkeit der Stille und Gelassenheit zu schaffen durch die Behutsamkeit fortdauernder Bewegung (Kap. 15).

 

 07-12:

 Das Volk lieben, das Land leiten:

 vermagst du das gewiss ohne Taktieren?

 

 Wie Himmelspforten sich öffnen, schließen 

 kannst du wohl so weiblich-passiv handeln?

 

 Ein allumfassendes Verständnis erlangen:

 vermagst du das freilich ohne Gerissenheit?

  Die Zeilen 07-12 zielen auf überindividuelle Schlussfolgerungen, hauptsächlich auf den Herrscher des Staates:
 07-08 
Werden die obengenannten individuellen ethischen Qualitäten in Geist und Seele des Herrschers vertreten, wird er durch uneigennützige Liebe 
 ài zum Volk anführendurch nicht-eingreifendes Handeln  ohne Schläue, Leiten ohne List.

 09-10 Laut einem dunklen Schöpfungsmythos [Wilhelm, 1910; Trauzettel, 1999], verwandeln die Himmelspforten Dào's transzendenten Zustand des Nichts in alle Dinge mittels ständigem Öffnen und Schließen "als Phasen von Ordnung und Chaos, mit tiefgreifender Wirkung auf alle unter dem Himmel". [Wáng Bì 王弼].
 Später wählte der Religiöse Daoismus die alternative, konkrete Bedeutung Nasenlöcher, um ihre Atemtechniken zu unterstreichen.
 Alle Veränderungen und Wirkungen der Himmelspforten werden auf weibliche Art vollzogen, nicht anführend, sondern sich spontan anpassend: wie ein Huhn reaktiv für alle sorgt, jedoch nicht anführend oder aktiv eingreifend. So wird auch ein Herrscher, diesem weiblichen Prinzip folgend, sich der Untertanen erfreuen, die ihm aus eigenen Stücken folgen.

 11-12 Ein Anführer vermag ein tiefes und umfassendes Verständnis zu erlangen, ohne Trug und Täuschung, ohne List oder politische Gerissenheit, da er kein persönliches Interesse besitzt.
 Vgl. Kap. 37: "Das Ewige des Weges ist ohne Eingreifen. ... Wenn Herzöge und Könige nur fähig wären, daran festzuhalten [am Ewigen des Weges], die zehntausend Arten von Wesen würden sich aus sich selbst heraus [vorteilhaft] verändern." [*].

 

 13-17:  

 Hervorbringen und hegen;

 erschaffen, doch nicht besitzen;

 bewirken, doch nicht darauf bauen;

 anführen, doch nicht anordnen –

 dies heißt tiefe Innere Kraft.

 13-17 Dé, Vergegenständlichung des Dào als Innere Kraft, oder "subjektive Verobjektivierung"(!), umschließt Erzeugen und Pflegen von Aspekten des Dào:

 [ der Natur (erschaffen, nicht besitzen),

 [ des Menschen (bewirken, nicht darauf bauen),

 [ der Erde (anführen, nicht anordnen).

 Nach 13 "Hervorbringen und hegen" identisch mit Kap. 51, 15-18!

 [

 

11 - Schöpferisches Nichts

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

三十幅共一轂,

sān shí fú gòng yī gū ,

當其無,有車之用。

dāng qí wú ,yǒu chē zhī yòng 。

埏埴以為器,

shān zhí yǐ wéi qì ,

當其無,有器之用。

dāng qí wú ,yǒu qì zhī yòng 。

鑿戶牖以為室,

záo hù yǒu yǐ wéi shì ,

當其無,有室之用。

dāng qí wú ,yǒu shì zhī yòng 。

故有之以為利,

gù yǒu zhī yǐ wéi lì ,

無之以為用。

wú zhī yǐ wéi yòng 。

  Im westlichen Denken tendiert das Sein dazu, das Nicht-Sein zu dominieren: in naiver Wahrnehmung als ontologisches Grundgestein, Nicht-Sein als bloße Abwesenheit – als Platzhalter ... mit Anklängen an Democrits Atom und Leere.

 無 wú und 有 yǒu im Chinesischen Denken sind gleichberechtigt, sind komplementäre "Zwillingsgeschwister", Gegenwart von Etwas und von Nichts (Kap. 02, 04, 05, 14, 40, 43).

 

 01-02: 

 Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe:

 gerade deren Nicht-Sein
 ist 
des Wagens Brauchbarkeit.

 01-02 Das erste der drei von Lǎozĭ klug gewählten Gleichnisse vergleicht die dreißig (= Tage eines Monats) Speichen, welche auf die einzige Nabe im Zentrum ausgerichtet sind und es sich teilen:
 Materie wandelt sich zu Form, Form wird Wesen und Zweck, verdichtet zu Nichts als bedeutungsvolle und nützliche Leere.

 

 03-04: 

 Knete Ton, entsprechend forme ein Gefäß:

 Genauso ist dessen Nicht-Sein
 
des Gefäßes Brauchbarkeit.

 03-04 Das zweite Beispiel eines unbrauchbaren Lehmklumpen, der zu einem nützlichen Gefäß geformt wird, ist so grundlegend wie frappierend: nur Leere kann gefüllt und erfüllt werden!
 
Heidegger benutzte in "Das Ding" Lǎozĭs Parabel, merkwürdigerweise ohne Erwähnung der Quelle, obschon er die Bewunderung für diese letztmögliche Tiefgründigkeit nicht verbarg.
 Tatsächlich ist die Dinglichkeit seines Kruges die Leere darin: die Leere formen heißt den Krug zu formen. "
Die Leere, dieses Nichts am Krug, ist das, was der Krug als das fassende Gefäß ist.
[Technikphilosophie, 2. Vorl.].
 

 05-06: 

 Stemme Fenster und Türen aus,
 entsprechend bilde Wohnraum: 
 

 Ebenso ist sein Nicht-Sein
 des Raumes 
Verwendbarkeit.

 05-06 Die dritte Verdeutlichung, von Fenstern und Türen in einem Haus, betont wiederum die Yin-Funktion des Nichts in der Yang-Grundlage des Seins.

 Keine Fenster – kein Licht, kein Leben. Keine Türen – ein Gefängnis, ein Grab. Das Nichts schenkt und wahrt Leben.

 

 07-08:

 Daher: Das Sein bewirkt dabei Vorteile,

 das Nicht-Sein bewirkt dabei Verwendbarkeit.

 07-08  Die Einheit der Gegensätze innerhalb der dinglichen Welt (Chang,Tsung-Tung, 1982) nunmehr dreifach beleuchtet, hebt Lǎozĭ die wesentlichen Besonderheiten jener ontologischen Geschwister hervor: Schwester Yin und Bruder Yang – Vorteil und Nutzbarkeit.

 [ "Die drei [Rad, Gefäß, Raum] sind aus Holz, Lehm und beziehungsweise Mörtel gemacht, aber alle [hängen] für ihre Brauchbarkeit von der Negativität ab. Diese [Laozi-Feststellung] meint: Um vorteilhaft zu sein hängen die Wesen für ihre Brauchbarkeit von der Negativität ab." [Wáng Bì 王弼 / Wagner]. 

 [ Das 'Leer-Element' ist "dazu befähigt, selbst das Minimum zu sein und die Vielen zu kontrollieren" [*]. 

 [  Die Vorteile des Seins und die Zweckmäßigket des Nicht-Seins fließen ineinander über, um eine ontologische Einheit von Quantität und Qualität zu bilden.

"Denn alles muß in Nichts zerfallen,

 Wenn es im Sein beharren will."

("Eins und Alles", Goethe).

 [

 

12 - Suchtfreier Einklang

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

五色令人目盲,

wǔ sè lìng rén mù máng ,

五音令人耳聾,

wǔ yīn lìng rén ěr lóng ,

五味令人口爽,

wǔ wèi lìng rén kǒu shuǎng ,

馳騁畋獵令人心發狂,

chí chěng tián liè lìng rén xīn fā kuáng ,

難得之貨令人行妨。

nán dé zhī huò lìng rén háng fáng 。

是以聖人,為腹不為目,

shì yǐ shèng rén ,wéi fù bú wéi mù ,

故去彼取此。

gù qù bǐ qǔ cǐ 。

 [ In Kap. 1 wurden Sinnlichkeit und Geistigkeit komplementär nebeneinandergestellt, im Hinblick auf die Wahrnehmung der Begrenzungen oder Mysterien, der Oberfläche oder des Tiefgründigen.
 [ Hier stellt Lǎozĭ natürliche Bedürfnisse der Menschen und Genussstreben als schädliche Steigerungen des Begehrens philosophisch gegenüber.

 

 01-03: 

 Zu viele Farben
 blenden des Menschen Auge,

 zu viele Töne
 betäuben des Menschen Ohr,

 zu viele Gewürze
 stumpfen des Menschen Gaumen ab.

 01-03 Zu viele ...

 [ Die konkreten fünf Farben – im alten China blau(-grün), gelb, rot, weiß und schwarz – sind das optische Beispiel bedrohlicher Reizüberflutung, drohender sensorischer und innerer Blindheit.

 [ Die fünf Klänge oder Töne der altchinesischen Tonleiter – Prime, große Sekunde, große Terz, Quinte und große Sexte führen – als konkrete akustische Veranschaulichung, im Falle Maßlosigkeit zu Taubheit und dazu, kein Ohr mehr zu haben ...

 [ Die fünf Geschmäcker oder Aromata – salzig, bitter, sauer, würzig und süß – machen durch Gier überbeansprucht den Mund taub und führen zu 'Geschmacksverirrung'.

 

 04-07: 

 Pferderennen und Treibjagd

 lassen das menschliche Herz irre werden,

 

 schwer zu erlangende Güter

 lassen des Menschen Entfaltung blockieren.

 Nach drei Sinnesarten fügt Lǎozĭ zwei Gefahren der Leidenschaftlichkeit hinzu:

 04-05 Rennen und Rausch verwirren das menschliche Herz, Fieber und Inbrunst treiben den menschlichen Geist in den Wahnsinn.

 06-07 "Güter, die schwer zu bekommen sind, blockieren des Menschen rechten Pfad. In diesem Sinne 'blockieren sie des Menschen Handlungen'." [Wáng Bì 王弼 / Wagner]. 
 Seltene Güter zu schätzen (Kap. 03), Handel und Geld (Kap. 53), das Jagen nach Kostspieligkeiten – all dies wird die innere Reifung hemmen und den Pfad versperren.

 

 08-10: 

 Darum weise Menschen:

 kümmern sich um Bedürfnisse,
 nicht um äußerliche Begierden;

 somit weisen sie dieses zurück
 und
 wählen jenes.

 08-10 Ein weiser Herrscher ...

 [ sorgt zuerst für die grundlegenden Bedürfnisse aller Untertanen vor ausgeklügelten Begehrlichkeiten, für den Bauch, nicht für das unersättliche Auge:

 [ "'Wer für den Bauch ist', nährt seine eigene Person mit anderen Dingen. 'Wer für das Auge ist', stellt sich mit seinem Auge in den Dienst [von anderen Dingen]. Daher ist der Weise nicht für das Auge." [*].

 [ Der Weise meidet jegliche Gier nach Profit (Kap. 46), er verwirft Geiz und Gier, wählt stattdessen tägliches Verlieren, um das Dé des Dào zu gewinnen.

 [

 

13 - Unabhängiges Selbstwertgefühl

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

寵辱若驚,貴大患若身。

chǒng rǔ ruò jīng ,guì dà huàn ruò shēn 。

何謂寵辱若驚﹖

hé wèi chǒng rǔ ruò jīng ﹖

寵為下。

chǒng wéi xià 。

得之若驚失之若驚

dé zhī ruò jīng shī zhī ruò jīng

是謂寵辱若驚。

shì wèi chǒng rǔ ruò jīng 。

何謂貴大患若身﹖

hé wèi guì dà huàn ruò shēn ﹖

吾所以有大患者,

wú suǒ yǐ yǒu dà huàn zhě ,

為吾有身,及吾無身,

wéi wú yǒu shēn ,jí wú wú shēn ,

吾有何患?

wú yǒu hé huàn ?

故貴以身為天下,若可寄天下。

gù guì yǐ shēn wéi tiān xià ,ruò kě jì tiān xià 。

愛以身為天下,若可託天下。

ài yǐ shēn wéi tiān xià ,ruò kě tuō tiān xià

 Menschen verfügen über Selbstbewusstsein, daher agieren sie selbstbezogen; Lǎozĭ entlarvt dies als entscheidend für ihr Wertesystem.

 

 01-02: 
 Gunst und Ungunst
 sind
 gleich erschreckend,

 Ehrungen stellen große Sorgen dar,
 ähnlich unserer 
Selbstheit.

 01 Gunst und Ungunst sind nicht beständig und können ineinander überwechseln.

 02 Sich in einer hohen gesellschaftlichen Position zu befinden, stellt eine Katastrophe dar – für die Person und Selbstheit des Anführers.

 

 03-07: 

 Was heißt: 'Gunst und Ungunst
 sind
 gleichermaßen erschreckend'?

 Gunst wirkt erniedrigend –

 sie zu erlangen, ist erschreckend,

 sie zu verlieren, ist auch erschreckend.

 Das heißt: 'Gunst und Ungunst
 erschrecken gleichermaßen'.

 03-07 Überraschende Neubetrachtungen werfen Fragen auf  und suchen nach Antworten:
 
"Wo Gunst ist, ist notwendigerweise auch Ungunst. Gunst und Ungunst sind gleichwertig. Wenn de Untertanen Gunst und Ungunst [gleichermaßen] erschreckend empfangen, dann werden sie nicht in der Lage sein, Chaos in das Reich zu bringen."
 [*Wáng Bì 王弼 / Wagner].

 Ein weiser Herrscher, unparteiisch, und handelnd, ohne einzugreifen, wird beides vermeiden: Gunst und Ungunst, um seinen Untertanen Demütigung und Peinlichkeiten zu ersparen, wenn sie jene früher oder später erlangen oder verlieren. Darum!

 

 08-11: 

 Was heißt: "Ehrungen sind große Sorgen
 ähnlich unserer 
Selbstheit."?

 Ich habe dadurch große Sorgen,

 weil ich selbstisch und eigennützig bin.

 Erreichte ich Selbstlosigkeit,
 welche Sorgen hätte ich noch?

 08-11 Die zweite Frage, die der obigen zweiten Feststellung folgt, ist fokussiert auf Ehre und ihren Gegenspieler, die Katastrophe der Schmach:
 "Wo Glanz ist, da ist notwendigerweise auch Verhängnis. Glanz und Verhängnis laufen auf das Gleiche hinaus. Wenn de Untertanen Glanz und Verhängnis [gleichermaßen] erschreckend empfangen, dann werden sie nicht in der Lage sein, Chaos in das Reich zu bringen." [*].

 Sorgen werden unvermeidlich sein, solange des Anführers Person und Persönlichkeit leiden – so schmerzvoll wie der Leib leiden kann – an seiner Selbstheit, welche immer auch Selbstbezogenheit oder gar Selbstsucht riskiert.
 So richtet sich der Weise, um 
Lǎozĭ's Rat in Kap. 7 zu befolgen: "Darum stellen weise Menschen ihre Person hintan, und doch gehen sie selbst voraus, sie entäußern sich ihrer Person – und doch bleibt ihre Person bewahrt."

 

 12-15: 

 Darum, jene die es schätzen, sich bei aller
 
Selbstheit einzusetzen für die Welt,

 anscheinend kann man jenen
 die 
Welt anheimstellen;

 die es lieben, sich bei aller
 
Selbstheit einzusetzen für die Welt,

 anscheinend kann man denen
 die
 
Welt anvertrauen.

 Logischerweise wird der letzte Teil nun der Frage gewidmet, welche besten Auswahlkriterien den idealen Herrscher finden lassen.
 Dessen Persönlichkeit darf weder durch Gunst noch Ungunst, weder durch Ehre noch Schmach verändert oder geschwächt werden.

 12-13 Der erste Maßstab betrachtet den intellektuellen Zugang des Kandidaten zum Reich (zur Welt):
 "'Es gibt kein anderes' Wesen, bei welchem seine Persönlichkeit 'geändert' werden könnte' [wenn es von den Merkmalen des weichen Wassers Gebrauch macht, das Harte zu überwinden, wie Laozi 78.1 besagt], darum sagt der Text 'geachtet werden'. Einmal an diesen Punkt gekommen, dann kann ihm in der Tat alles unter dem Himmel anvertraut werden." [*].

 Wer es schätzt, mit seiner ganzen Person für alle Welt zu sorgen, derjenige ist offenbar der rechte, ihm die Leitung des Staates zu übergeben.

 14-15 Ein eher gefühlsmäßiger Gesichtspunkt sichert die umfassende Tauglichkeit zum selbstlosen, bedachtsamen Herrscher:
 "Es gibt kein anderes Wesen, das befähigt ist, seine Persönlichkeit zu vermindern, daher besagt [der Text] 'geschätzt werden'. Einmal an diesen Punkt gekommen, dann kann ihm in der Tat die Verantwortung für alles unter dem Himmel übertragen werden." Wenn seine Persönlichkeit weder wegen Gunst oder Ungunst noch wegen Glanz oder Verhängnis geändert oder vermindert werden kann, dann kann ihm in der Tat die Verantwortung für alles unter dem Himmel übergeben werden." [*].
 
Jene, die es mit all ihrer Persönlichkeit lieben, für die Welt zu tätig zu sein, denen kann man es anscheinend zutrauen, zu handeln ohne zu agieren, im Reich der Mitte zu herrschen, ohne es zu gebieten.

 [

 

14 - Unbegreiflichkeit des Dào

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

視之不見名曰夷。

shì zhī bú jiàn míng yuē yí 。

聽之不聞名曰希。

tīng zhī bú wén míng yuē xī 。

摶之不得名曰微。

tuán zhī bú dé míng yuē wēi 。

此三者不可致詰,故混而為一。

cǐ sān zhě bú kě zhì jié ,gù hún ér wéi yī 。

其上不皦,其下不昧,

qí shàng bú jiǎo ,qí xià bú mèi ,

繩繩不可名,復歸於無物。

shéng shéng bú kě míng ,fù guī yú wú wù 。

是謂無狀之狀,無物之象,是謂惚恍。

shì wèi wú zhuàng zhī zhuàng ,wú wù zhī xiàng ,shì wèi hū huǎng 。

迎之不見其首,隨之不見其後。

yíng zhī bú jiàn qí shǒu ,suí zhī bú jiàn qí hòu 。

執古之道以御今之有。

zhí gǔ zhī dào yǐ yù jīn zhī yǒu 。

能知古始,是謂道紀。

néng zhī gǔ shǐ ,shì wèi dào jì 。

 [ Wegen Dào's prinzipieller Namenlosigkeit und Unbegreifbarkeit, ohne jedwede Verständlichkeit hin zur Transzendenz des Dào, hätte Lǎozĭ schlussfolgern können "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." [Wittgenstein].

 [ Nichtsdestotrotz versucht er in einigen Kapiteln, sich dem Unnahbaren zu nähern, das Unbeschreibbare zwischen den Zeilen zu beschreiben: mittels einer poetischen Annäherung, ähnliche Bemühungen der Negativen Theologie vorwegnehmend [e.g. Meister Eckhart].

 

 01-06: 

 Schau nach ihm - nichts zu sehen:

 sein Name ist schlicht (unsichtbar);

 

 horch nach ihm  nichts zu hören:

 sein Name ist leer (unhörbar);

 

 greif nach ihm  nichts zu ertasten:

 sein Name ist fein (unfassbar).

 01-06  Was nicht zu sehen / hören / greifen ist, nennt *Wáng Bì 王弼 *feinunhörbarglatt.
 "Für diese drei [die Sinne Sehen, Hören und Tasten] ist es unmöglich, zu einer Definition [davon] zu gelangen, und folglich ist es unbestimmt, das Eine [zu sein]."
 Es ist ohne Form oder Bild, ohne Klang oder Widerhall. Dadurch ist es in der Lage, nichts undurchdrungen und nichts unerreicht
 zu lassen. Es ist nicht erkennbar, und selbst mit meinem Ohr, Auge, und Tastsinn weiß ich nicht, [ihm] einen Namen zu geben." [*Wáng Bì 王弼 / Wagner].

 Angefangen damit  夷+ in seinem Kommentar vertauscht wie in 馬王堆 Mǎwángduī A+B!), haben die meisten Übersetzer von den wörtlichen Bedeutungen von yí-xī-wēi abstrahiert zu Unsichtbarkeit, Unhörbarkeit und Ungreifbarkeit als nicht identifizierbar mittels dreier Hauptsinne.
 Abel-Rémusat's JHWH=Jachweh Hypothese, erwähnt bei Hegel und ausgeklügelt diskutiert bei von Strauß 
[1870 p. 61-75], war in gewisser Hinsicht zu weit hergeholt! [h.a.].
 Das undefinierbare Dào, welches das Eine ist, "lässt nichts undurchdrungen und nichts unerreicht". [王弼].

 

 07-12: 

 Diese drei sind nicht weiter auszuloten –

 so verbinden sie sich, bilden eine Einheit:

 

 oben nicht hell

 und unten nicht dunkel,

 

 äußerst grenzenlos, unmöglich zu erfassen;

 so kehrt sie zurück, heim ins Nicht-Sein.

 07-08 Die einzelnen Sinne sind begrenzt: begrenzt in ihren besonderen Qualitäten tragen sie ihre konkreten Aspekte bei  als Zwischenstationen zu höheren Schlussfolgerungen über die Wirklichkeit: 
 Doch wenn sich die Sinne zu einem Bündel kleiner Einsichten zusammenschließen, schwingen sie sich zur nächsten Abstraktionsebene auf, um an rationaler Erkenntnis teilzuhaben, auf dem langen Weg zu spiritueller Erleuchtung.

 09-12 "Dieses Eine  seine Oberseite ist nicht hell; – seine Unterseite ist nicht dunkel. Dämmrig ist es und unmöglich zu benennen.
 
Es kehrt zurück und bezieht [die Wesen] zurück zum 'Nichts'." [*].
 
Beim Aufstieg zu höherer Verwirklichung, ist  Yang (die Sonnenseite des Hügels) nicht hell, Yin (seine schattige Seite) nicht mehr dunkel.
 Unbegreiflich, uferlos, unbenannt: dergestalt folgen Dinge und Wesen als zeitweise Substanzen dem Pfad heim zum Nicht-Ding und Wesenlosen, zurück zum Nicht-Sein.

 

 13-17: 

 Es heißt Form des Formlosen,

 Abbild des Nicht-Seins;

 das meint verschwommen und unfasslich:

 ihm entgegentretend,
 sieht man nicht seinen Anfang,

 ihm nachfolgend,
 nicht sein Ende.

 13-15 "Dies nenne [Ich] die Form des Formlosen, die Erscheinung des 'Nichts. Man möchte sagen, dass es nicht existiert? [Die Tatsache bleibt noch bestehen] dass die Wesen für ihre Vollendung darauf gründen. Man möchte sagen, dass es existiert? [Die Tatsache bleibt noch bestehen] dass es seine Form nicht zeigt. ... Dies nenne [Ich] undifferenziert und vage. Das heißt: unmöglich zu definieren." [*].
 
Nähert es sich wiederum der Pforte zum transzendenten Dào, strahlt das fahle Abbild des Nicht-Seins seine formlose Form aus.
 Zurück zum undifferenzierten Anfang des Universums, für alle Zeit unverständlich und unbegreiflich, folgt sein letzter Wandlungsschritt in das Absolute Nichts.

 16-17 Zuvor und Danach, Anfang und Ende, des Menschen reine Anschauungsformen [Kant] entschwinden, und das schöpferische Dào träumt von seinem nächsten Zyklus.

 

 18-21: 

 Hält man fest am Dào des Altertums,

 so meistert man
 Geschehnisse der Gegenwart.

 Kann man den des Altertums
 Urbeginn verstehen,

 heißt dies Richtschnur des Dào.

 18-19 "Obwohl Altertum und Gegenwart unterschiedlich sind, besteht ihr Weg ewiglich. Nur wer daran festhält, ist befähigt, die Wesen zu regulieren. 'Vorkommnisse' bedeutet vorkommende Regierungsgeschäfte." [*].
 
Jenseits des Jenseitigen, benötigen der Weise (wie der kluge Herrscher) einen Anker in der Vergangenheit, um die Gegenwart zu meistern, erleuchtet von den Einsichten der Alten die Dinge des Seins zu bewältigen: die Mühen des Alltagslebens ebenso wie die Regelungen des Reiches.

 20-21 Den ältesten Anfang zu verstehen heißt die Kontinuität des Weges zu erkennen.
 "Das Merkmal- und Namenlose ist der Urahn der zehntausend Arten von Wesen. Obwohl Gegenwart und Altertum nicht das Gleiche sind, obwohl sich die Zeiten geändert und die Sitten gewechselt haben, sind da absolut keine [weisen Herrscher], die sich nicht auf diesem [Merkmal- und Namenlosen
] gründeten, indem sie ihre reguierte Ordnung vollendeten. (...)
 Obschon das ferne Altertum weit weg ist, dauert sein Weg noch immer an. 
Obwohl man heute existiert, es deswegen möglich, 'mittels dieser [Heutzutage-Realität] den ältesten Anfang zu erkennen." [*].
 Bewusstsein bedarf des Gedenkens, von den Höhen der Antike zum Hier und Jetzt heißt die Verankerung von Sein und Zeit [
HeideggerDàos Goldener Faden
 jì meint 'Faden', dann 'Gewebe', dann die Geschichtsschreibung ... das 'Weltgewebe'. [nach v. Strauß 1870 p. 78-79].

 [

 

15 - Unergründlichkeit der Weisen

 

Wáng Bì 王弼 (226–249):

hànyǔ pīnyīn

 

古之善為士者,

gǔ zhī shàn wéi shì zhě ,

微妙玄通,深不可識。

wēi miào xuán tōng ,shēn bú kě shí 。

夫唯不可識,故強為之容。

fū wéi bú kě shí ,gù qiáng wéi zhī róng 。

豫兮[焉]若冬涉川;

yù xī [yān ] ruò dōng shè chuān ;

猶兮若畏四鄰;儼兮其若容;

yóu xī ruò wèi sì lín ;yǎn xī qí ruò róng ;

渙兮若冰之將釋;敦兮其若樸;

huàn xī ruò bīng zhī jiāng shì ;dūn xī qí ruò pǔ ;

曠兮其若谷;混兮其若濁;

kuàng xī qí ruò gǔ ;hún xī qí ruò zhuó ;

[澹兮其若海;飂兮若無止。]

[dàn xī qí ruò hǎi ;liù xī ruò wú zhǐ 。]

]孰能濁以[止]靜之徐清。

shú néng zhuó yǐ [zhǐ ]jìng zhī xú qīng 。

孰能安以動之徐生。

shú néng ān yǐ dòng zhī xú shēng 。

保此道者不欲盈。

bǎo cǐ dào zhě bú yù yíng 。

夫唯不盈故能蔽而新成。

fū wéi bú yíng gù néng bì ér xīn chéng 。

 Je tiefer jene alten Meister in die Geheimnisse von Dé und Dào eingedrungen waren, umso mehr hatten sie sich deren Eigenschaften angeeignet: die augenscheinlichen und offensichtlichen Besonderheiten und Vorzüge des Dé  und ebenso die verborgenen finsteren Geheimnisse des Dào als 'Verdunkelung' ihrer Erleuchtung.

 

 01-05: 

 Des Altertums vortrefflich wirkende Meister:

 subtil, geheimnisvoll, so tief durchdringend,

 unmöglich zu durchschauen.

 

 Gerade weil undurchschaubar,

 so versuche ich, ihre Erscheinung zu skizzieren.

 01-05 Wieder einmal versucht der Autor des Dàodéjīng das Namenlose zu benennen: den unauslotbaren Abgrund des transzendenten Dào sowie auch dessen Widerspiegelung in den unergründlichen Meistern des Altertums zu beleuchten, sie in dichterischer Freiheit zu umreißen.

 

 06-12: 

 Behutsam, wie im Winter den Fluss durchwaten,

 vorsichtig, als fürchtete man allseits Nachbarn;

 zurückhaltend, wie Gäste,

 

 nachgiebig, wie Eis, das gleich zerschmilzt;

 ursprünglich, wie unbearbeitetes Naturholz,

 weit, wie Täler, und

 undurchschaubar wie trübe Gewässer.

 06-12 Die mystische Anzahl von sieben schwachen Umrissen, davon drei wiederum in Beziehung zu Wasser (!), verdichten sich allmählich zu einer klaren Andeutung eines unausdrückbaren Eindrucks.

 [ "Jemand, der im Winter einen Fluss überquert, ist zögerlich darüber, ob oder ob er nicht überquert, und hat einen Gesichtsausdruck, der es unmöglich macht, seine Gefühle zu lesen." [* Wáng Bì / Wagner].

 [ "Wenn sich vier Nachbarn zusammenschließen, den Herrn in der Mitte zu attackieren, wird er unentschieden sein, und man weiß wirklich nicht, welchen Weg er einschlagen wird. Dass in einer Person von 'höchster Empfänglichkeit / höchster Fassungsvermögen' [wovon in Lǎozĭ 38.1 gesprochen wird] es unmöglich ist, irgendwelche Hinweise wahr-zunehmen [in] seinem [Gesichtsausdruck] und es unmöglich ist, [seine] Absichten auszumachen, ist auch derart." [*].

 [ Förmlich wie ein Gast, brüchig wie schmelzendes Eis, ursprünglich wie ein unbehauener Klotz, weit wie ein Tal, undurchschaubar wie trübes Gewässer:
 "Allgemein gesprochen, 
all jene 'sie sind wie' meinen, dass man unfähig ist, ihrer Haltung spezifische Formen und Namen zuzuschreiben." [*].

Die psychologische Dimension ist merklich gekennzeichnet durch eine unmerkliche Annäherung: behutsam und besonnen beschreiten die Weisen des Altertums ihren Pfad.
 Ein sanfter Kurs führt zu einem ungefährdeten Weg.